Das X-odus Forum befindet sich derzeit in einer Pause.
Für all Diejenigen, die ihre Charaktere bis zum Wiederbeginn
nicht ruhen lassen wollen, empfiehlt die SL euch
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Wir wünschen unseren fleissigen Usern viel Spass
auf der neuen Plattform und hoffen
euch alle in alter Frische und mit dem gleichen Elan
bald auch wieder an dieser Stelle begrüssen zu können.
Einige Stunden später legte sich erneut ein Schatten auf das frische Grab. Er verweilte einen Moment einfach, bevor er sich wieder regte und ein Strauß weißer Lilien neben dem Kranz des Institutes Platz fand. Mit ihren schlanken und rot lackierten Fingern zupfte sie ein paar Blätter vom Grab und ordnete die Kränze wieder nebeneinander an. In der letzten Woche waren sie wieder einmal etwas nach unten gesackt. Sie ging schweigend vor und nur das Summen eines alten Kinderliedes kam ihr über die Lippen.
Die weißen Lilien, die Blumen des Erzengels Gabriel, die für Unschuld standen, fanden einen ansehnlichen Platz zwischen den Sträußen in einer dunkelgrünen Blumenvase und wiegten sich leicht im herbstlichen Wind. Ihr Blick fiel auf den Rosenkranz und betrachtete es eine Weile, bevor sie ihre Hand ausstreckte und sacht darüber strich.
I’m sorry.
Ihre Lippen kräuselten sich kurz zu einem Lächeln, bevor sie sich erhob und einfach vor dem Grab stehen blieb, um etwas nachzudenken. Wie sie sich zum ersten Mal trafen, auf dem Hof des Institutes. Das kurze Gespräch im Garten und der Offenbarung ihrer Kräfte. Auch das letzte Treffen im Café kam ihr in den Sinn...
Rat saß auf einem der Grabsteine hinter ihr und steckte sich eine Zigarette an. Das Streichholz schmiss er fort und ein Rauchschwaden stieg in die kühle Herbstluft, als gerade zwei Raben krächzten und aufstoben, so als hätte Rat es ihnen befohlen. Schon interessant, wer so alles an dieses Grab dackelte. Was erhofften die sich davon? Dass das Miststück wieder aus ihrem Grab stieg? Die sah jetzt nicht mehr so gut aus wie zu Anfang dieser kleinen Begegnung mit Rat. Die Verletzung ihrer Fingernägel war allerdings nicht mehr zu sehen - das war sie schon kurz darauf nicht mehr gewesen. Sein Körper trug keinerlei Narben, die Haut war makellos.
Er schlug den Mantel zurück und erhob sich, wobei er lapidar mit der Zunge schnalzte und seine dreckige Schuhsohle an der Steinkante eines Grabsteins sauber rieb. Fast zeitgleich drehte er den Kopf in Jeans Richtung und sie musste zurecht den Eindruck haben, dass sich eine eisige Kälte ihr Rückgrad hinaufschlängelte. Rat würde sich ihr Gesicht gut einprägen, wenn sie sich umwandte.
Nachdem die Flut der Erinnerungen abebbte, erhob sie sich, versenkte die Hände in den Taschen der Motorradjacke und betrachtete den Kranz des Institutes. Logan war nicht wirklich begeistert gewesen, schließlich misstraute er ihr bis zum Schluss und doch hatten sie sich geeinigt auf eine letzte Botschaft.
Sie wollte sich gerade an diese Unterhaltung erinnern, als ihr ein eisiger Schauer über den Rücken lief. In ihrer Umgebung, die eben noch so ruhig wirkte, versteckten sich düstere Gedanken und deren eisige Hände hatten sich nach ihr ausgestreckt. Der Wind, nicht weniger kühl strich ihr das Haar zu einer Seite, so dass sie erst aus dem Augenwinkel, dann immer weiter sich zu ihm umdrehte. Jean hatte das Gefühl, gleich von etwas hartem getroffen zu werden und doch erinnerte sie sich gerade nur an etwas. Etwas, dass mit eben diesen Gedanken in Verbindung zu stehen schien.
Und dann doch, hatte sie sich zu ihm umgewandt. Würde er sich von unten bis oben mustern, dann würde er schwarze Boots, Lederhose und Motorradjacke sehen, wobei auf dem Rücken der Jacke ein roter Falke genäht war. Ihre Jacke war offen und erlaubte den Blick auf einen blauen Pullover mit X auf der Brust. Eine Modemarke, die es hier nicht gab.
Ihre grünen Augen betrachteten den Mann, der ihr einen unaufhörlichen, eisigen Schauer über den Rücken schickte...
Tatsächlich musterte er sie recht unverhohlen von oben bis unten, ehe er sich geradewegs auf sie zubewegte. Jetzt allerdings galt sein Blick nicht mehr ihrer Person, sondern den vielen Kränzen, die noch auf Carol Stones Grab lagen. Wie schön, dass man hier Aushängeschilder lesen konnte; so ne Art Visitenkarten, wo er als nächstes nach denen suchen konnte, die Lewis hatten ausschalten wollen. Seine Zunge glitt über seinen Eckzahn und er neigte den Kopf langsam, beinahe schon träge zur Seite, während er einen der Abschiedsgrüße an einem Kranz las.
"Jemand, den sie gekannt haben?"
Warum nur klang seine Stimme allein schon nach einer einzigen Beleidigung? Er stand nun direkt neben ihr, wenngleich sie in die entgegen gesetzte Richtung sah. Rat warf ihr einen Seitenblick zu, der irgendetwas Höhnisches hatte. Selbst wenn man kein Telepath oder Empath war, hätte man das Dunkle an ihm instinktiv gespürt. Chaos war alles, das Jean in seiner Gegenwart hätte wahrnehmen können. Sie war doch Telepathin, nicht wahr? Dann sollte sie nun sehr gut aufpassen, wohin sie ihre Fühler ausstreckte - am Ende war es noch tödlich. Obwohl der Friedhof ein toller Platz zum Sterben war.
Jean senkte den Blick auf einen anderen Grabstein und betrachtete die Gravur eines Engels darauf. Hm, scheinbar lag dort ein Kind begraben. Wie grausam das Schicksal doch sein konnte. Grausam, dass erinnerte sie wieder an das Gefühl, dass nun so nah neben ihr war, dass es wie ein schwarzes Loch wirkte, in das sie drohte hineingezogen zu werden. Es war nicht schwer, sich davon abzuhalten, in seinen Kopf zu dringen. Denn es wirkte wie ein Bienenstock und darin herumstochern war lebensgefährlich.
„Eine alte Schulfreundin“, meinte sie ruhig. Im Gegensatz zu seinem Hohn und Spott in der Stimme, wirkte sie ruhig, vielleicht sogar traurig.
Ihre Hände kehrten aus der Wärme der Jackentaschen wieder zurück ins Freie und strichen ihr Haar zurück, dass ihr der Wind nun von hinten ins Gesicht blies.
Ob sie nun log oder die Wahrheit sagte; es spielte ohnehin keine Rolle. Rat kniff die Augen zusammen, da ihm der Wind ins Gesicht wehte, und zog an seiner Zigarette, deren Rauch der Windstoß mit fortriss, noch bevor er Rats Lippen gänzlich verlassen hatte. Schulfreundin, ja? Warum sprach sie dann nicht auch nur einen kleinen Deut im schottischen Akzent? Nein, das hörte sich verdammt amerikanisch an und sie sollte ihm keine blöde Story auftischen, sonst wurde er sauer. Wahrscheinlich wollte sie ihn wirklich für dumm verkaufen. Er hasste Weiber, die das taten. Aber einen Augenblick kratzte er sich lediglich an der Augenbraue und grinste leicht. Wenn Irrsinn grinsen konnte, dann hieß er Rat.
Er schniefte leise, das scheiß Klima hier machte ihm doch zu schaffen, denn Schottland war weder Rom noch Mekka oder sonst ein Flecken Erde, auf dem er sich gern aufhielt. Die Kippe flog zu Boden und er drückte sie mit dem Schuh in die angrenzende Erde von Carol Stones Grab aus. So machte man das doch... immer schön die Gepflogenheiten einer Kultur befolgen, nicht wahr?
"War wohl ein übler Tod..."
So übel auch wieder nicht; er hatte sie ganz sauber zugerichtet. War gute Arbeit gewesen. Er hingegen bemühte sich erst gar nicht, das R nicht zu rollen. Sein Akzent war unverkennbar ausländisch. Aber das war auch sein ganzes Auftreten.
Ein übler Tod? Nun gut, die Nachrichten hatten sich vielseitig darüber ausgelassen. Ein kleines Stück wandte sie den Kopf zu ihm und betrachtete seinen Rücken aus dem Augenwinkel.
„Sie kannten Carol?“
Nun gut, ein Akzent war nicht wirklich ein Beweismittel, oder? Wenn man lange genug in einer Gegend wohnte, dann nahm man den Akzent an. Nehmen wir an, Jean und Carol gingen in der Kindheit auf dieselbe Schule und ihre Wegen trennten sich dann. Dann wäre es gar nicht so abwegig.
Der Akzent des Mannes fiel ihr auf. Er hatte diese seltsame Art das R zu rollen und er wirkte so verdammt sicher in dem was er tat. Das erinnerte sie an Jemanden...
Und noch an jemand anderen. Und dem hatte sie eine üble Beule zu verdanken gehabt, die Scott im Gegensatz zu dem netten Hämatom am Hals zum Glück nicht bemerkt hatte. Aber das lag schon lange zurück. Sie war sich fast sicher, dass sie neben ihrem Feind stand und doch blieb sie ruhig. Würde er nur eine falsche Bewegung machen und das nächste Loch hier, wäre seines.
Diesmal hatte er keine Chance sie zu überraschen.
Ihre Finger spannten sich um den Kragen ihrer Jacke und schienen sie zu richten.
"Nein...", und er wandte den Kopf wieder in ihre Richtung. "Ich bin nur ein Zeitungsleser."
Und genau diese Pseudoerklärung hätte ihm die Galle hochgetrieben, wenn sie sie ihm gegeben hätte. Idiotische Stories wollte er nicht hören, da wurde er aggressiv. Mal abgesehen davon, dass ohnehin nicht viel fehlte, ihn zu provozieren. In einer längst vergangenen Zeit war er jemand gewesen, den alle gekannt und vor dem alle gekuscht waren... das taten sie auch heute noch; nur jetzt war es die Angst und nicht sein Einfluss, der sie schweigen ließ.
Ein Feind? Schätzchen, du hast keine Ahnung wie es wäre, wenn ich dein Feind wäre. Rat hatte keine Feinde, nur zeitweilige Gegner. Vieles hatte er gesehen und nichts...absolut nichts davon hatte die Zeit überdauert. Und wenn du schon Jahrzehnte unter der Erde liegst, so werde ich auf dein Grab spucken können.
Er wandte sich ab, denn so ein belangloses Geschwätz bereitete ihm Kopfschmerzen und sein Interesse an ihrer Person war gänzlich erschöpft.
Ohne ein weiteres Wort ging er an ihr vorbei und auf das gußeiserne Tor des Friedhofs zu. Auch wenn sie es jetzt nicht wusste, aber sie hatte wirklich Glück. Verdammtes Glück, denn heute hatte Rat einen ziemlich guten Tag.