La città eterna – die ewige Stadt. Rom.
Die Stadt sehen und sterben. So hieß es bereits vor Hunderten von Jahren und wohl würde sich auch in den nächsten hundert Jahren nichts daran ändern, wenngleich sich der Anblick von Rom doch im Laufe der Zeit gewandelt hatte - wie alles einem Wandel der Zeit unterworfen war. Ferrante war nie wieder zurückgekehrt in die ewige Stadt und so schrieb man das Jahr 1836… ein Herbstabend im späten Oktober, als er seinen Blick ein letztes Mal über seine Geburtsstadt schweifen ließ. Hätte er gewusst, dass er Rom nie wieder sehen würde, so hätte er vielleicht noch ein wenig länger dort verweilt…
Er stand auf einem der Hügel in Rom, dem Gianicolo, der ihm Sicht auf das Künstlerviertel Trastevere bot. Seine Silhouette hob sich düster vom bewölkten Abendhimmel ab und da er sich nicht rührte, wirkte er selbst wie eine der Engelsstatuen, zwischen denen er stand. Er war nun 20 Jahre alt, seine tote Mutter hatte er nie kennen gelernt und so lebte er ausschweifend und zügellos in der heiligen Stadt, wo die Huren so feucht waren wie das Wasser des Tibers. Künstler aus aller Welt reisten hierher, um einen Blick in die Vergangenheit zu werfen und sich heillos darin zu verlieren. Das Ergebnis war ein Sud von wirren Gedanken, die sie im Opiumdunst und Räumen mit verschimmelten Tapeten wiedergaben und letztlich der Schwindsucht erlagen. Ferrante hasste sie. Und doch ging er jeden Abend erneut nach Trastevere, um sich mit ihnen zu umgeben und zu vergessen, wer er war. Ferrante Riccardo Visconti, der Sohn von Hettore Visconti, einer der reichsten Händler Roms.
Es war düster geworden. Der Wind stob die Herbstblätter auf und wehte ihm einige Haarsträhnen ins Gesicht, die er mit einer wirschen Geste des Kopfes zurück warf. Langsam streckte er die Arme aus, so dass er die kühlen Marmorstatuen links und rechts von sich berühren konnte. Der Stein war kalt, genauso wie seine Gedanken. Fasste er in diesem Moment den Entschluss, Rom zu verlassen? Er wusste es nicht, doch wenn er sich in Nächten der folgenden Jahre diese Frage stellte, so glaubte er, dass die Antwort unweigerlich Ja lauten musste. Noch einmal senkte er den Kopf in eleganter Weise, noch einmal sah er auf die Stadt, in die er geboren worden war und noch einmal huschte ein kaum merkliches, gar abfälliges Lächeln über seine Züge, ehe er sich abwandte und in langen Schritten auf die Kutsche zuschritt, die man ihm bereits aufhielt. Er schlug den Mantel zurück und verschwendete keinen Blick mehr zurück.
Das Haus seines Vaters war immer ein Ort der hohen Gesellschaft gewesen. Selten traf man Hettore nicht im Kreis von Aristokraten, Kardinälen oder einflussreichen Überseehändlern an.
Doch an diesem Abend war das Haus gänzlich leer und nahezu totenstill, als Ferrante dort eintraf. Ein Gewitter grollte am Himmel, dessen Blitze die Eingangshalle zuweilen im gleißenden Licht erstrahlen ließ und die hohen Lüster an der Decke überflüssig machte. Die letzten Schritte hinauf zur Eingangstür war Ferrante in einen Regen gekommen, so dass einige Wasserperlen in seinen Haaren glitzerten, während er sich die Handschuhe abstreifte und sie dem Diener mitsamt dem Mantel und Spazierstab in die Hand drückte.
Eigentlich wandte er seinen Blick nur zur gewaltigen Portaltreppe, weil es der andere tat. In der Ferne grollte es erneut, doch schienen die bedächtigen Schritte auf der Marmortreppe einen Augenblick das einzige zu sein, das im Saal zu hören war. Unnatürlich hallten sie von den römischen Rundsäulen wider, als der Fremde auch am Absatz der Treppe keinen Halt machte, sondern direkt auf Ferrante zuging. Orientalische Zeichen zierten Stirn und Augen; auch trug jener eine dunkle Stoffbahn zu einem Turbante gewickelt, so dass man hätte annehmen können, dass es sich um einen Händler aus dem Osten handelte. Und doch nahm Ferrante es keinen Moment an. Die glühenden schwarzen Augen, in die er sah, glichen flammenden Höllen des Triumphs. Die Stimme, die er hörte, war die Dunkelheit selbst; tief und grollend wie das Unwetter vor der Tür. Der Teufel persönlich war auf die Erde gestiegen, um sich an der Lächerlichkeit des menschlichen Seins zu ergötzen. Oder Ferrante war noch immer benebelt von Opium und Absinth.
„Mach dich reisefertig. Wir brechen in zwei Stunden auf.“
Es war italienisch. Und doch hörte man den Akzent unverkennbar heraus. Das R wurde noch härter gerollt, die Vokale weniger gedehnt. Und zu Anfang war das alles, das Ferrante überhaupt hörte, denn die Bedeutung dieser Worte erfasste er nicht sofort. Er kniff die Augen zusammen und starrte den anderen an, als wollten seine eisigen Augen die Hölle zufrieren lassen, um Bedenkzeit zu gewinnen. Als er dann endlich sprach, war es noch lange keine Antwort, denn er sah seinen Diener an, der wie erstarrt daneben stand.
„Wo ist mein Vater?“
Er erhielt keine Antwort. Auch nicht, als er die Frage wiederholte, so dass er den verängstigten Mann mit einem Schnaufen von sich stieß und auf die Flügeltüren des Salons zuhielt. Dem dunklen Teufel schenkte er keinerlei Aufmerksamkeit mehr, wenngleich er wusste, dass dieser Mann nicht eher gehen würde, bis er hatte, was er wollte. Ferrantes Brüllen hallte von den Wänden wider, noch ehe er die Salontür erreicht hatte.
„Vaaaaaaaaater!!!“
Die Türen erzitterten in den Angeln, als sie mit einem gewaltigen Krachen aufflogen. Der Salon war düster und doch wusste Ferrante, dass der Alte hier war. Er saß in einem der Sessel am Fenster, eine Hand hing schlaff über die Armlehne und auf dem Parkett darunter funkelten Scherben eines zersprungenen Kristallglases. Es dauerte nicht lange und der Sohn war bei seinem Vater angelangt, um ihn am Kragen zu packen und mit einem Ruck ein Stück aus dem Sessel zu heben. Der Ältere gab nur ein leises Keuchen von sich, ansonsten wehrte er sich nicht gegen diese Behandlung. Allein dessen Stimme war noch immer so schneidend kühl, wie sie der junge Italiener kannte:
„Habe ich dir nicht beigebracht, deinen Vater zu ehren?“
„Du hast mich verkauft!“
„Schon vor deiner Geburt.“
„Für was? Sag mir für was!!“
„Für alles…“
Es war beinahe schon Entsetzen in diesen eisig blauen Augen und wahrscheinlich war dies der Beginn des schleichenden Wahnsinns, der sich immer tiefer in eine dunkle, verlorene Seele schlich. Die Finger öffneten sich ruckhaft aus dem Stoff des Hausmantels, ein fassungsloses Ausatmen folgte, aber dann ging es so schnell, dass Hettore Visconti nur noch das Aufblitzen von Stahl wahrzunehmen im Stande war. Dieses kurze Aufblitzen, als die Klinge des Dolches das hereinscheinende Licht des Ganges draußen spiegelte. Und vielleicht sah er in seinen letzten Augenblicken auch noch den schwarzen Schatten, der in die offene Tür trat, bevor er hinab gezogen wurde in die tiefen Abgründe seiner eigenen Hölle. Ein leises Röcheln zeugte von letzten Versuchen, Atem zu holen, denn Ferrantes Präzision hatte unter der Erkenntnis dieses Verrats am eigenen Blut gelitten. So wusch nun auch er seine Hände in Blut und sank vor dem toten Körper seines Vaters nieder. Keine Trauer, kein Hass, kein Gefühl. Und da war sie wieder; diese dunkle Stimme, die forderte und versprach:
„Komm mit mir und die Welt wird dir eines Tages zu Füßen liegen, Ata' al Rahman.“
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