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Er sah eine ganze Weile auf die Tabletten in seiner Hand, ehe er sie widerwillig mit einem Glas Wasser einnahm. Der letzte Tropfen im Wasserglas wanderte über seine Hand und tanzte auf seinen Fingerknöcheln, ehe Dorian ihn abschüttelte und in der Kommode nach einem Pullover kramte. Trotz dass es noch nicht wirklich kalt war, fror er die meiste Zeit. Vielleicht lag es auch an den sterilen Subs, die ihm die Kälte suggerierten.
Jetzt würde er sich erst einmal auf die Suche nach Seana machen und schließlich nach irgendwas Essbarem. Für heute wollte er nicht mehr hinunter in die Subs, vielleicht würde er später noch einmal zum See gehen. Da er den Führerschein nie gemacht hatte, brauchte er irgendjemanden, der ihn einmal wieder ans Meer fuhr, aber er wusste nicht so genau, wen er diesbezüglich fragen sollte. Es schien ihm, als hätten alle andere Sorgen - was durchaus so sein würde.
Dorian kramte in seiner Hosentasche nach einem Kaugummi und wandte sich zur Tür um, um sich auf die Suche nach Seana zu machen.
Er konnte nicht gerade sagen, dass er sehr gut geschlafen hatte. Nein, eigentlich eher im Gegenteil. Und wahrscheinlich hatte er einen wirklich sehr ...intensiven und seltsamen Traum gehabt. Letztlich aber hatte er festgestellt, dass es sich dabei gar nicht um einen Traum gehandelt hatte. Vielleicht lag es einfach nur daran, dass er zur Zeit ein wenig zu viel Tabletten auf einmal nahm. Gestern sogar mit einem Schuß irischem Whiskey. Das konnte ja nichts werden.
Warum er so selbstzerstörerisch war? Er hatte schlichtweg langeweile und er hatte die Schnauze voll, ständig allein in den Subs zu hocken. Gut, er beschäftigte sich jetzt wieder öfters mit Seana und er hatte auch wirklich nicht vor, sich irgendwie... ins Koma zu saufen, aber manchmal war das Warten eine verdammt beschissene Angelegenheit. Die Datei hatte er fast komplett entschlüsselt und was war danach? Er wusste es nicht. Noch immer nicht - schlichtweg aus dem Grund, weil er sich nicht traute, nachzufragen. Er war zwar jetzt Vater eines Mädchens, das hier im Institut bleiben würde, aber das hieß ja nicht zwangsläufig für ihn, dass er auch gern gesehen war.
Vielleicht sollte er sich mal als Arzt bewerben. Wie lange er im Bad gestanden hatte und nach seiner Rasierklinge gesucht hatte, wusste er jetzt nicht mehr wirklich. Er hatte einen ziemlichen Kater und wenn er zurück ins dunkle Zimmer sah, dann war es leer. Da waren keine bekannten Schatten mehr, wie noch vor ein paar Stunden. Dorian zuckte mit der Schulter und glaubte, dass er sich doch alles eingebildet hatte. Und ja, nach einer kalten Dusche ging es ihm wirklich besser.
Der Blick auf seine Armbanduhr zeigte ihm 6:03 Uhr an. Perfekte Zeit, um einen Spaziergang um den See zu machen.
Es war eine seltsame Nacht gewesen. Raguel konnte nicht einmal in Worte fassen, was ihn eigentlich wirklich wach gehalten hatte. Das er allerdings kaum eine halbe Stunde Schlaf bekommen hatte, davon konnten seine Augen ein Liedchen singen. Letztenendes brannten sie aber nicht nur – in ihrer wundersamen zweifarbigen Natur – wegen der Uebermuedung.
Er war kein Arzt und trotzdem hatte er nach dieser Nacht der seltsamen Traeume beschlossen, dem ein oder anderem Institutsbewohner einen Besuch abzustatten. So frueh am Morgen hatte es auch noch niemanden gestoert, dass er die Kueche in Beschlag genommen hatte – und noch weniger hatte ihn das Gemecker seines Bruders stoeren koennen, als er ihm Kaffee und Beignets ans Bett gebracht hatte. Raguel, der heimliche Koch. Sariel hatte doch sonst so gerne Nutzen daraus gezogen. Und ueberhaupt, die Kekse ihrer Mutter hatten sie auch immer ueber jeden Kummer hinweg troesten koennen. Zu Anfang, im zarten Lausbubenalter waren es noch aufgeschuerfte Knie gewesen und spaeter…
Vor Dorians Tuer angelangt liess eben jener Gedanke das ewige Laecheln auf seinen Lippen ersterben. Zurueck blieb nur ein ungewoehnlich ernster Raguel. Ernst, weil unter dieser Maske so viel mehr brodelte.
Die O’Reillys, die sonst ueber alles sprechen konnten und wollten, dass man sich manchmal wuenschte sie wuerden von Zeit zu Zeit ein Blatt vor den Mund nehmen, hatten allesamt ein grosses Tabu-Thema: Mama O’Reilly.
Warum also, musste er ausgerechnet jetzt daran denken?
Weil Sariel diese ewig wunde Stelle auf seiner Seele wieder aufgerissen hatte, als er Ororo in New York von ihr erzaehlt hatte? Oder einfach, weil diese Nacht der seltsamen Traeume ueber das Institut hergefallen war?
Das Klopfen an Dorians Tuer war zoegerlicher, als er es sich eigentlich gewuenscht hatte und insgeheim aergerte sich Raguel darueber. “Dorian? Bist du wach?”
Seine Lippen waren nur noch ein schmaler Strich, al ser aergerlich auf das Tablett in seinen Haenden hinab sah. Der Kaffee leckte bedrohlich am Tassenrand und lief Gefahr jeden Moment ueberzuschwappen und die Beignets hatten laengst einen Ausflug ueber den Tellerrand unternommen.
Verdammt nochmal, er war eben kein Kellner!
Und deswegen war es ja auch nicht hier!
Aber war er ein guter Traumdeuter?
Das war doch hier die Frage…
Da Dorian gerade im Begriff gewesen war, das Zimmer zu verlassen, war er auch schneller an der Tür, als Raguel vielleicht annahm. Jene wurde schwungvoll geöffnet und Dorian musterte Raguel einen Moment, ehe er breit grinste.
"Ist das für mich oder soll ich dir dabei helfen?" Langsam wanderte eine Braue in die Höhe, aber Dorian hätte das ohnehin nicht mehr fortgegeben, denn das sah richtig lecker aus. Er nahm Raguel das Tablett ab und nickte ihn herein. So... Raguel wollte Traumdeuter spielen, ja? Das würde ihm bei Dorian entweder gar nicht gelingen oder zu gut. Er probierte von den Beignets und nickte leicht. Dafür, dass Raguel ziemlich übermüdet aussah - vielleicht sollte er dem anderen mal eine Dosis Schlaf verordnen - war er aber erstaunlicherweise früh wach gewesen.
"Das ist ja sogar genießbar", meinte er mit einem provozierenden Schmunzeln. Nein, wirklich. Es war gut, auch wenn Raguel als Kellner grandios scheitern würde, aber man musste ja auch nicht alles können. Dorian lehnte sich an den Tisch und verschränkte die Arme. Er hatte das Gefühl, als wollte ihn Raguel irgendetwas fragen... oder bildete er sich das nur ein? Jedenfalls war Dorian wirklich froh, dass Raguel wieder da war. Institutsklatsch? Hmm... er hatte jetzt ne Tochter. Hatte er das schon erwähnt?
"Ich will nicht wissen, warum ihr in New York gewesen seid, oder?"
Stumm beobachtete Raguel seinen Gegenueber aus mueden, aber erstaunlich aufmerksamen, Augen. Vielleicht war ja ein Psychologe an ihm verloren gegangen, aber was fuer ein Spielchen trieb Dorian hier eigentlich? Da war doch etwas, dass er ihm… aha, die New York Frage also?
So ganz gluecklich schien Raguel mit dieser Frage nicht zu sein, so dass es bereits den Anschein hatte, als wuerde er einfach seinen Gang durchs Institut fortsetzen, ehe er schliesslich doch in Dorians Zimmer trat und die Tuer hinter sich schloss.
“Beignets”, erklaerte er mit einem Kopfnicken in Richtung des Tabletts und verfiel in ein weiteres Schweigen.
”Beignet, mit Puderzucker bestreut. Und ich werd' sie dir auf einem Silbertablett servieren und der Puderzucker wird zurueck bleiben, ueberall hier –“ Die kurze Erinnerungssequenz liess ihn seine eigenen Finger noch einmal sehen, wie sie verheissungsvoll ueber die weichen Lippen wanderten. “Und ich muss ihn nur wegkuessen… und dann meine Lippen schmecken.”
Mit einem tiefen Atemzug, der einem enttaeuschten Seufzer gleichkam, fand Raguel schliesslich wieder in die Gegenwart zurueck. Auch wenn es noch einen Augenblick und ein kurzes Augenblinzeln kostete, bis er sich wieder vollstaendig gefangen hatte und sogar wieder die Frage seines Gegenuebers im Sinn hatte. "Ich will nicht wissen, warum ihr in New York gewesen seid, oder?" – Um ehrlich zu sein? Nein!
“Wie weit bist du mit deinen Auswertungen gekommen?”
Was wollte er nun wirklich mit dieser Gegenfrage erreichen? Vom Thema ablenken – oder bestand dort eine Verbindung zwischen der New York Frage und der Daten?
Waehrend sein Blick noch an Dorians wundersamen Augen haften blieb, schob Raguel seine Haende in ueblicher Verlegenheit in die Hosentaschen und foerderte eine Photographie zutage.
Spielchen? Er trieb hier überhaupt keine Spielchen... na schön, tat er doch, aber man konnte ja auch einmal ernsthaft miteinander reden, oder? Und es interessierte Dorian durchaus rege, was sie nun in New York getan und erreicht hatten... dieser ganze Bruderklub. Einen Moment war ihm auch dieses Alexandré Dumas Musketiergehabe im Sinn (oder hatten das findige Filmemacher einfach dazu erfunden?) und er musste scheinbar grundlos grinsen. Raguel hatte mit dem Gedanken gespielt, einfach weiter zu laufen? Dann kannte er Dorian nicht gut genug.
Beignets... war das irgendwas Irisches? Hörte sich aber französisch an. Und warum wusste er das nicht? Einen kurzen Augenblick hatte er ein Gefühl wie damals nach den Gehirnwäschen und er sah Raguel stumm an. Aber auch der andere schien eine Weile überhaupt nicht da zu sein. Ein tiefes Aufatmen? Ein enttäuschter Seufzer? Tja... welcome back, Raguel. Dorian wandte sich ab und beließ ansonsten alles unangetastet auf dem Tablett. Er griff nach der Flasche irischem Whiskey und schmiss sie Raguel im guten Glauben, dass der schon fangen würde, mit einer kleinen Drehung zu.
"Ich bin fast fertig..."
Und das konnte mehrerlei Bedeutungen haben. Auch wenn es Dorian selbst nicht sofort aufgefallen war. Er schritt wortlos durch den Raum und ohne noch einmal auf seine Frage zurück zu kommen. Raguel wollte sie ihm nicht beantworten, das war sehr deutlich geworden. Er schob die Kommode auf und schien darin etwas zu suchen, ehe er sich Raguel wieder zuwandte.
"Also lass sehen... den Verband müssen wir ohnehin wechseln. Wer hat ihn dir angelegt? Doch nicht etwa Sariel, oder? Setz dich auf den Stuhl dort, wenn dir schwindlig ist."
Da war etwas, das in seinen Augen schäumte wie stürmische See und dies war keine Einbildung, denn auch sein Wangenmuskel zuckte einen Moment, ehe er den Blick sinken ließ und darauf wartete, dass der andere sein Shirt auszog und ihm die Wunde zeigte. Und es war auch nicht wirklich abwegig nun anzunehmen, dass das nun ein klein wenig wehtun würde. Er würde sich jetzt um die Verletzung kümmern (wie immer sie auch entstanden war) und ihm dann die Diskette in die Hand drücken. Ja, er war ein klein wenig enttäuscht, dass ihm Raguel überhaupt nichts sagte.
...aber nur ganz unwesentlich.
Raguel würde schon merken, wie unwesentlich.
"Oder soll ich dir ein Bügeleisen holen?"
Nein, wirklich...die O'Reilly Brüder waren schon merkwürdig.
Nein, fuerwahr hatte es Herr Ire – der sich hier gerade auch noch zu allem Ueberfluss mit einem Schotten in Schottland aufhielt!! – es mal geschafft sich von der irischen Kueche loszusagen. Beim Kochen war er auch nicht sonderlich irisch veranlagt, um es frei von der Seele weg zuzugeben. Remy wuerde sich vermutlich ein Loch in den Hintern freuen, wenn er wuesste, dass in diesem Haus jemand der New Orleans Kueche verfallen war – der letzte Cajun der ihm ueber den Weg gelaufen war, hatte ihm schliesslich kochen erst richtig nahe gebracht. Und Norman und Sariel hatten Raguel dafuer fuer schwul erklaert. Gut, dass Dorian also keine Diskussionen ueber das Kochen fuehrte, denn bei dem Gedanken an seine Brueder, kochte in Raguel schon wieder etwas laengst vergessenes hoch.
Noch einmal hatte ihn die Vergangenheit am heutigen Morgen unverkennbar eingeholt. Zwar hatte seine Hand rechtzeitig zugegriffen, um den Whiskey – vorlaeufig – vor der Vernichtung zu bewahren, aber das irritierte Augenblinzeln wiederholte sich.
Was war das nur fuer ein Tag? Und was hatte man Dorian bitte an Quasselwasser eingefloesst? So viel Gespraechigkeit war er von dem Schotten ja gar nicht gewohnt.
“Er…”, war vorerst Raguels sehr vielsagende Antwort. Aber ganz im Ernst, die Erwaehnung des Buegeleisens liess ihn endlich wieder zu seinem verschmitzten Grinsen zurueckfinden.
“Nicht noetig.” Und wenn Dorian sich hatte von diesen Worten beruhigen lassen, dann sollte er sich – in Kenntnis der manchmal etwas makaberen O’Reillys – vielleicht doch besser keine grossen Hoffnungen machen. “Norman hat da was neues auspro… entdeckt.”
Gut, Raguel war tatsaechlich das erste Versuchskannikel fuer diese wunderbare Idee gewesen, aber das hatte er Dorian ja nicht unbedingt unter die Nase reiben wollen. Allgemein wollte er seinen Bruder nicht noch mehr in Verruf bringen, als er es ohnehin schon war – durch sein eigenes Verschulden, zugegebenermassen. Aber er war nun mal – na ja, eben sein Bruder! Und nichts auf der Welt wuerde Sariel und Raguel davon abhalten koennen, Norman in Schutz zu nehmen.
Nun waere es wohl an der Zeit die Hosen herunter zu lassen – und das im wahrsten Sinne des Wortes – oder? Aber Raguel blieb lieber schweigend stehen und genehmigte sich einen guten Schluck von dem noch besseren Whiskey. Bitte, um die Wunde war sich doch gekuemmert worden, kein Grund zur Panik! Gut, sie sah ein wenig ungesund aus und das tote Fleisch wuerde sicher irgendwann… aber er konnte auch zu Doktor Grey gehen – oder Wunde einfach Wunde sein lassen… Ehrlich, er war da nicht so zimperlich mit!
Mit Medizinern hingegen war er nun schon ein bisschen zimperlicher…
“Und – er – sonst?” Hundert Punkte fuer R. O’Reilly. Er haette auch gleich versuchen koennen Dorian mit einer hochinteressanten Diskussion ueber das Wetter zu kommen, um ihm von seinem Vorhaben abzubringen. “Hast du so schlecht geschlafen oder bist du immer so ein Fruehstarter?”
Wenn Dorian ehrlich war, dann war es ihm gerade scheißegal, wer wo was gelernt hatte und wer wen für schwul erklärte. Wahrscheinlich war er das erste Mal in seinem Leben mächtig sauer und Raguel wusste ganz genau warum. Aber Dorian war niemand, der seine Wut zeigte und so stand er auch noch weiterhin eine Weile mit dem Wundjod und dem Verband wartend herum und sah in eine andere Richtung, denn seine Augen logen wie immer nicht. Und konnte Raguel einmal aufhören, ständig wie ein Idiot herum zu blinzeln, ja? Wenn er mit den Gedanken so vollkommen woanders war, dann sollte er es sagen und Dorian würde ihn nicht nerven (obwohl… war es nicht Raguel, der bei Dorian angeklopft hatte?). Er selbst merkte gar nicht, dass er schnaufte, aber er fragte sich gerade wirklich, was zum Henker Raguel eigentlich von ihm wollte? Waren die Beignets so eine Art Bestechungsgeld? Wenn er etwas wollte, dann sollte er mit der Sprache heraus rücken und danach konnte er sich ja wieder in seine Gedankenwelt verziehen.
Hatte er wirklich so viel gesagt? Nein. Es waren lediglich die Anweisungen eines Arztes gewesen und mehr nicht. Ja, er hatte die Daten nun so gut wie ausgewertet und er wusste im Moment mehr als Raguel selbst. Wo immer der andere auch gewesen war oder was er getan hatte, die Sache fing jetzt erst an. Aber vielleicht war er auch einfach nur zu sehr der sture Schotte, der über den Verlauf des Gesprächs – ohnehin über das ganze Verhalten des anderen – pikiert war, so dass er selbst nichts über die Datenauswertung sagte. Gut, Raguel hatte vielleicht Grund, ihm nichts zu sagen, denn immerhin war Dorian einst medizinischer Wissenschaftler bei Genethics gewesen, aber er hätte nicht geglaubt, dass ihm der andere so wenig vertraute. Und könnte ihm Raguel jetzt endlich mal zeigen, wo er überall verletzt war? Er hatte keine Lust, bis heute Abend herum zu stehen. Raguel wollte zu Jean Grey? Bitte…
Sein Blick traf Raguels wieder.
„Was ist nun? Soll ich mir das ansehen oder nicht?“
Also… so sprach ein Arzt nicht und es war auch nicht sonderlich ratsam, als Arzt emotional involviert zu sein – ob nun im negativen oder positiven Sinne. Das ging meist daneben und Dorian merkte es gerade selbst, so dass er leise seufzte und die Sachen auf den Tisch legte. Wahrscheinlich war er nur ein klein wenig übermüdet, Raguel hatte ihm ja eigentlich gar nichts getan. Er hatte sich das nur ein klein wenig anders vorgestellt.
„Dann geh zu Dr. Grey, denn mit Verlaub, aber Norman ist wohl nicht die geeignete Person, dir deine Wunden zu versorgen. Danke für die…“ Wie hießen die Dinger doch gleich? Er hatte es vergessen. „…Kekse.“ Konnte man das sagen? Sein Ärger war zum größten Teil verflogen und machte seiner Müdigkeit Platz. Er strich sich über die Nasenwurzel, sah aber auf, als Raguel mit seiner Frage kam. Konnte er das noch mal wiederholen? Dorian hatte sich bestimmt nur verhört. Oder? Er betrachtete Raguel mit leicht zusammen gekniffenen Augen, ehe er sehr schlicht antwortete: „Ja.“
Das konnte jetzt einmal wieder alles bedeuten. Und doch hatte er gut geschlafen – jedenfalls die Zeit, die er geschlafen hatte – und er war auch kein Frühaufsteher. ‚Ja’ hieß eigentlich gar nichts… und das war genauso viel, wie Raguel sagte.
Meine Fresse, war der aber mal zickig heute!
Dorian sollte mal gar nicht erst versuchen ihn mit irgendwelchen Blicken einzuschuechtern. Das funktioniert naemlich nicht! Nicht, wenn man… aber da kaeme nun ohnehin nur wieder die O’Reilly Sippschaft zur Sprache.
Die Augen um einiges gefaehrlicher als Dorian zusammenkneifend, musterte er ihn und rieb sich mit dem Handruecken kurz unter der Nase. Ehrlich, wenn er jetzt Blut an seiner Hand haette, wuerde das vermutlich auch niemanden mehr wundern, er sah ja aus, als wuerde er gerade mitten im Kampf stehen.
“Beignet!” Ehrlich, Dorian, manchmal bist du ein verdammter Stoffel! Wusste hier eigentlich niemand seine ARBEIT mit den Dingern zu schaetzen? Von Sariel hatte er auch nichts weiter, als ein Grunzen geerntet. Gut, Sariel war auch noch halb tod gewesen von seinem Whiskeyrausch (vermutlich verfiel er durch seinen eigenen Atem wieder in tiefe Besaeufnis), aber wenigstens Dorian…
Und dann war doch wieder, trotzt des gefaehrlichen Blickes, ein Bruchteil von Sekunden ueberdauerndes Laecheln da. Doch, Finnja hatte sich gefreut. Das konnte man nun wirklich nicht abstreiten.
So, sollte er ihm nun das Rezept erklaeren, noch nen Tee aufbrauen oder vielleicht einfach mal zur Sache kommen? Natuerlich – es stand doch eigentlich ausser Frage, oder? – entschied Mr. Traumdeuter des Monats sich fuer Tor drei. Das Hemd ueber den Kopf ziehend biss er dennoch auf seiner Unterlippe herum, wie ein Schuljunge, der gerade beim Rauchen in einer stillen Ecke erwischt worden war. Man, er machte die ganze Sache auch komplizierter, als sie eigentlich war – und immerhin hatte er diese Einsicht schon mal, das sollte doch angeblich der erste Weg zur Besserung sein.
Beim Anblick Raguels bestand wohl ohnehin nicht mehr die Frage, wo der gute Mann Verletzungen aufwies, sondern eher wo nicht – und zum anderen duerfte sich ein geschultes Medizienerauge wohl fragen, was zum Teufel Norman sich diesmal krankes hatte einfallen lassen. Die Wunde, die unter Raguels Hosenbund verschwand, sah dann doch eher so aus als waere Raguel des oefteren in eine Fackel gerannt, als dass sich jemand um die Wunde “gekuemmert” haette.
Schaetzungsweise sollte er jetzt nicht mit dem Spruch “hart im Nehmen” kommen, sonst wuerde Dorian ihn wohl gleich erdrosseln, oder? Witzig, dass sie sich noch nicht wirklich lange kannten, aber Raguel sich jegliche Reaktionen seines Gegenuebers schon nur zu genau ausmalen konnte. Da er weder Lust auf eine Gardienenpredigt, noch auf ein eisiges Schweigen hatte, kam der gute Mann nun endlich auch mal zu einem der vielen anderen Gruende, wegen denen er hier war.
Aus der Hosentasche holte er ein sichtlich zerknittertes Foto hervor, das auf dem Tisch landete, nachdem er endlich auf dem Stuhl Platz genommen hatte. “Ich… wollte wissen, ob du ihn schon mal getroffen hast – oder ob dir das Gesicht irgendwas verraet…” Bissen fuer Bissen fuetterte man die hungrige Meute – nicht aus Bosheit, sondern weil man sich um sie sorgte.
In diesem Institut schienen viele Menschen oder Mutanten nicht wirklich Schlaf zu finden und zudem verbreiteten sich Neuigkeiten im Institut schneller als man Glauben mochte. Es war weder höflich noch unbedingt angebracht um so eine Uhrzeit durchs Institut zu stapfen, aber sie müsste Raguel einfach sehen. Ein kleiner Keim der Hoffnung, dass er Michel mitgebracht haben könnte war sicherlich der Auslöser, aber ganz bestimmt rechnete sie wenigstes mit einer Nachricht von ihm und nicht ganz unerheblich freute sich Charleen einfach wieder, dass der Beste der O’Reillys endlich wieder Zuhause war, oder das was das Zuhause sein sollte.
Es war ja nun auch schon ein alter Hut, dass Charleen Michel noch immer hinterher trauerte und vielleicht stellte Charleen einfach nur mal wieder unter Beweis wie sensibel sie eigentlich war: Es ist Unsinn , sagt die Vernunft
Es ist, was es ist, sagt die Liebe
Es ist Unglück, sagt die Berechnung
Es ist, was es ist, sagt die Liebe
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst
Es ist, was es ist, sagt die Liebe
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht
Es ist, was es ist, sagt die Liebe
Es ist lächerlich, sagt der Stolz
Es ist, was es ist, sagt die Liebe
Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht
Es ist, was es ist, sagt die Liebe
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung
Es ist, was es ist, sagt die Liebe
Dieses Sprüchlein passte irgendwie verdammt gut auf ihre Situation und gab es jetzt (Rohey sowieso immer ausgenommen) eine andere Person außer Raguel die wirklich verstand wie es in ihr aussah? Wohl kaum.
Ungeachtet des Gedanken an Michel war sie einfach aufgeregt. Sie war nun mal so neugierig wie kaum ein Anderer und Raguel wusste immer irgendwas zu erzählen, meistens jedenfalls und wenn es ‚nur’ Geschichten aus Irland waren.
Sie war in diesen frühen Morgenstunden jedenfalls schon mächtig aktiv gewesen, hatte ihr Training schon hinter sich gebracht und war endlich mal wieder mit Logan an einander gerasselt.
Jedenfalls klopfte sie an Dorians Tür, ihre letzte Adresse auf der Suche nach Raguel und wartete seine Antwort erst gar nicht ab, ob sie eintreten dürfte oder nicht. Ja, heute war sie vielleicht ein bisschen übermütig. „Entschuldige Dorian. Hast du Ra…“ Der Rest des Satzes erstarb auf ihren Lippen als sie Besagten O’Reilly dort stehen sah und dann ging die Sonne auf in Form ihres breiten lächeln. „Raguel…“ Das sie hier augenscheinlich in einer Behandlung steckten war Charleen für einen Moment nur egal. Mit ein paar Schritten war sie bei Raguel um ihn in den Arm zu ziehen und ihm einen dicken Kuss auf die Wange zu drücken. „Willkommen Zuhause.“ Ein bisschen übermütig war sie heute, oder?
Hmm... ja, also... Dorian war durchaus hart im Nehmen, aber was Raguel ihm da zeigte, ließ ihn schon schlucken. Das war ja nun wirklich ziemlich übel. Er hatte das zuvor ja... so irgendwie nicht gesehen. Dass Raguel überhaupt noch herumlief und Kekse... Pardon, Beignets (!!!) machte, verstand Dorian einfach nicht. Er konnte nur den Kopf darüber schütteln. Und wenn er schon dabei war herumzuzicken, dann aber richtig. Was fiel Raguel eigentlich ein, durch das ganze Haus zu laufen und ÜBERALL herum zu tanzen, wo Dorian ihm doch etwas Wichtiges sagen musste. Hm? Konnte der Angeklagte mal DAZU Stellung nehmen?
"Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen, Raguel?"
Das klang genauso knurrig wie es sollte. Er hatte sich getäuscht; hier gab es absolut niemanden, mit dem er wirklich über das sprechen konnte, was ihn beschäftigte. Und tat das jetzt weh, dass ihm Dorian den Verband vom Fleisch riss? Verband ...ha ha. Hatte Norman versucht, ihm das auszubrennen, oder was? Gott, was war das nur für ein Idiotenclub? Nein, wirklich - Dorian war richtig pissig und das war merkwürdig, weil man ihn einfach nicht so kannte. Er besah sich die schwersten Verletzungen etwas genauer, aber es war keine darunter, die nun unbedingt genäht werden musste, weil meistens nur die Oberhaut verletzt war. Ein paar Wunden musste er aber klammern, so dass sich Raguel nun aussuchen durfte, ob er stehen bleiben ...konnte.
Das Foto interessierte ihn fürs Erste nicht. Zum einen lag es daran, dass er von seiner Arbeit eingenommen wurde (und Arbeit war das wirklich) und zum anderen war es mal wieder klar, dass Raguel ihn ausfragen wollte, aber selbst nichts zu erzählen hatte. Schließlich war er mit den Wunden so weit, dass man hoffen durfte, dass Normans supertolle Idee noch gerade zu biegen war und nicht allzu viele Narben zurück bleiben würden.
Als Charleen ins Zimmer platzte, trat er ein paar Schritte zur Seite und schraubte die Flasche Wundjod wieder zu. Er würde Raguel ein paar neue Verbände anlegen, aber alles hatte er auch nicht hier im Zimmer, so dass er wohl zur Krankenstation gehen müsste, um sich dort das Nötige holen. Öhm... war er jetzt ein wenig zu still geworden? Aber jetzt war ja Charleen da, die mit ihrem Sonnenstrahlenlächeln alles wieder überfluten würde. Die Flut, die in seinen Augen herrschte, ebbte allmählich wieder ab und er nahm das Foto auf, um es stumm zu betrachten.
Ob er von allen guten Geistern… also auf die Frage hin, klappte dem guten Raguel der Mund erstmal fassungslos auf – und gleich darauf wieder unverrichteter Dinge zu. So ein bisschen sah er jetzt schon wie ein Fisch auf dem Trockenen aus.
Hallo? Er hatte ja mal nicht den blassesten Schimmer? Wenn er sich also mal aus der Sache ganz gepflegt heraus halten koennte!
Es hatte geblutet! Und wie! Und Norman hatte eben das einzig … ‘vernuenftige’ in der Situation getan. Okay, okay, zugegeben: eine Patrone ueber der blutenden Wunde auszuleeren und sie anzuenden… das war wohl ungefaehr so vernuenftig, wie Wunden mit einem Buegeleisen zu ‘verschliessen’. Aber es war dermassen absurd – um nicht zu sagen daemlich -, dass es doch schon wieder grandiose ins O’Reilly Schema passte, hm?
…aber das alles verschwieg er jetzt am Besten vor Dorian, oder?
“Wir hatten…” mehr Glueck als Verstand? Was immer Raguel auch hatte sagen wollen, es ging durch Charleens stuermische Begruessung einfach unter – und vermutlich war es auch das Beste so.
“Hallo Charly.” Und wie es auch Karl in der vergangenen Nacht schon hatte erfahren duerfen, war seine Stimme eine einzige Wohltat. Gut, Rohey konnte diese komische Glockenspielsprache sprechen, mit der sie hire New Yorker Mitschueler lange Zeit in den Wahnsinn getrieben hatte, Raguels Stimme klang zwar aehnlich, hatte aber eine angenehmere Wirkung auf Zuhoerer.
“Du siehst gut aus.” Und nein, ich moechte kein entsprechendes Gegenkommentar ueber mich hoeren, bitte!
“Was machen deine Nichten?” Nicht, dass Raguel damit nur die stolze Tante ansprach, es war auch fuerwahr einfach ein Hauch von Eigeninteresse bei dieser Frage. Und fuer den Bruchteil einer Sekunde, drueckte er Charly in der Umarmung fester an sich. Himmel, WO hatte Dorian sein AIP-Jahr gemacht? In einer Schlachterei? Und da beschwerte er sich ueber O’Reilly Behandlungsmethoden? Er war nun auch nicht gerade Mister Samthandschuh des Monats, Himmelherrgottnochmal!
Mit geshuerzten Lippen – er sah ein wenig aus, als haette er gerade den Gestank von verbranntem Fleisch wieder in der Nase – betrachtete er Dorian, wenn auch nur aus dem Mundwinkel und versuchte mindestens ebenso gespannt auf das Bild in seinen Haenden zu starren, wie Dorian.
Man, man, man… wann genau ging der naechste Flieger nach New York? Er hatte Kopfweh. Und ausserdem war er muede. Und was immer Dorian gemacht hatte; es tat jetzt noch mehr weh, als zuvor.
Sie sah ja gar nicht gut aus. Sie war zu dünn, sie war ein Schneewittchen ohne A…und T..Das war nämlich auch der Grund warum Michel nach New York gegangen war. Auf ziemlicher verschrobener Art und Weise war das doch vollkommen logisch und vor allem komplett Charleen.
„Oh. Ihnen geht es gut. Sie können schon…“ Vermutlich schon ganze Essays schreiben und nächste Woche gingen sie auf die Uni. Charleen war vielleicht etwas voreingenommen wenn es um ihre Nichten ging und deswegen schwieg sie, aber nicht ohne sich vollkommen dreist in seinen Arm zu kuscheln. Weil es eben seine beruhigende Stimme war die sie brauchte und seine heilende Anwesenheit (vielleicht übertrieb sie ja doch ein wenig) nämlich auch. „Wir haben dich alle vermisst.“ Sie konnte gar nicht so schnell sprechen wie sie alles loswerden wollte und deswegen war es auch jetzt der Fall das sie seine Verletzungen bemerkte. Ihr Mitgefühl war ihm vollkommen sicher und deshalb blinzelte sie ihn auch so besorgt an. „Du solltest dich setzen.“ Ob sie mal pusten sollte, damit es besser wurde? Zumindest wirkte es so als würde sie genau das in Erwägung ziehen. „Soll ich uns einen Tee machen?“ Das ging gleichermaßen auch an Dorian und mit einem beinahe verschmitzten Grinsen schnabbelte sie nur weiter. „Oder möchtest du lieber ein Schluck Whiskey?“ Sollte sie ihm die Kissen, Decken, einen Masseur besorgen und ihm selbst mit einem Palmenwedel Luft zufächern?
Sie war ein bisschen geschäftig oder? Aber nur weil sie sich wirklich freute das Raguel wieder da war und außerdem wenn sie sich selbst so sehr beschäftigte, dann fiel es vielleicht nicht auf, dass sie wirklich gehofft hatte Michel könnte auch zurück gekommen sein.
Also... warum Charleen jetzt einfach so in sein Zimmer gestiefelt war, wusste Dorian nun wirklich nicht. Aber er war ihr ehrlich dankbar dafür, denn die Zeit, in der sie sich mit Raguel unterhielt, hatte er nun wirklich dringend gebraucht um einzusehen, dass er gerade nicht sonderlich nett gewesen war. Es tat ihm ja schon wieder Leid, dass er Raguel weh getan hatte... oder sollte er ihm noch einmal eine Klammer ins Fleisch rammen? Nein, natürlich nicht! Er gab ja zu, dass er einfach ein klein wenig übermüdet und darum wohl etwas empfindlich war.
Noch immer blickte er auf das Foto, das einen Mann zeigte, der ihm zwar im Entferntesten irgendwie bekannt vorkam, aber von dem er nicht sagen konnte, wie jener hieß. Konnte ihn Raguel mal darüber aufklären, wer das war? Dann erinnerte er sich vielleicht wieder, aber im Moment konnte er nichts weiter tun, als leicht den Kopf zu schütteln, als er Raguels Seitenblick bemerkte. Nein, direkt kennen tat er ihn nicht. Dorian betrachtete das Foto noch einmal und fragte sich, wessen Blut das eigentlich am oberen Rand war. Wahrscheinlich das von Raguel...
"Ich möchte keinen Tee, vielen Dank. Allerdings wäre es sehr nett, wenn du mir das Verbandszeug von der Krankenstation bringen könntest."
Whiskey hatte Raguel wohl schon zu Genüge genossen, so dass er ihm das als Arzt jetzt einfach mal verbieten würde - aber auch als Freund würde er ihm nun davon abraten. Wie schön, dass Raguel immer nur in halben Sätzen sprach... Moment, das war so ein Spiel, bei dem man dann noch von selbst vervollständigend raten durfte, was Raguel eigentlich meinte, oder? Zu dumm, dass Dorian derartige Spielchen nicht mochte. Und was Dorian jetzt an Feingefühlt hatte fehlen lassen, bekam Raguel ja von Charleen in Massen. Was beklagte sich der andere eigentlich noch? Willkommen daheim, oder so.
Nein, ehrlich. Er hatte seinen Ärger ja schon wieder zurück gedrängt und er würde ihm den Verband jetzt nicht so festziehen, dass Raguel daran erstickte. War das ein Deal? Und als Gegenleistung dazu konnte ihm der andere ja dann endlich mal erzählen, was genau in New York passiert war, denn ganz blöd war Dorian auch nicht. Wenn Raguel also wirklich meinte, dass sich Dorian aus der Sache heraus halten sollte, dann war es dafür schon längst zu spät. Und zudem ging ihn das mindestens genauso viel an, wenn nicht sogar noch ein Stückchen mehr.
"Bist du heute Abend auch dabei, wenn die Besprechung im Briefingroom stattfindet?", fragte er Raguel.
Aaaaah, zu viel Information!
Alles schoen nacheinander, er kam ja gar nicht zum Nachdenken, wenn Charleen so auf ihn einplapperte. Und gerade musste er leider gestehen, dass es eine Menge zum Nachdenken gab. Tee? Ja, auf die Antwort konnte er immerhin automatisch nicken ohne wirklich das Ding zwischen seinen Ohren nutzen zu muessen. Ooooooder hatte er gerade Whiskey… na ja, spaeter vielleicht. Unter dem scharfen (Elben)auge eines Arztes seines Vertrauens (???) war es vielleicht nicht so angebracht sich heisshungrig auf den Whiskey zu stuerzen.
Ach ja, aber woe r gerade dabei sein Hirn langsam wieder hochzufahren, konnte er Charleen eben noch am Handgelenk greifen, bevor sie davon eilen konnte. “Ich…” Raguel, der Mann der unvollendeten Saetze 2005! Seit wann war er eigentlich zu einem solch grandiosem Artikulationsgenie herangereift? Also, was er eigentlich sagen wollte war ja, dass der Tee eventuell auch warten koennte (auch wenn er kurz vorm Verdursten stand), aber stattdessen drueckte er ihr lediglich einen Briefumschlag in die Hand. Einen Umschlag, der Zugegebenermassen beinahe so mitgenommen aussah, wie Raguel selber.
“Wir haben eine Besprechung?” Jaja, da war was gewesen… immerhin einen seiner entschluepften Gedanken hatte er somit wiedergefunden (ob er vielleicht doch mal Fragen sollte, wie sich Alzheimer so anfing zu aeussern?). “Klar. – Bin ich aus dem Team geworfen worden oder was?” Denn was sollte ihn sonst noch grossartig davon abhalten, wenn er schon mal den weiten Weg dafuer hergekommen war? Also, nicht nur dafuer natuerlich…
Vielleicht sollte er vorher Dorian nur um ein paar Beruhigungstabletten bitten – sein Gedankenwirrwarr war ja nicht mehr zu ertragen, wenn er es genauer bedachte (womit das Problem ja eigentlich wieder von vorne anfing…)
Erst als die Tuer hinter Charleen (vorerst?) zugefallen war und die Schritte auf dem Flur langsam erstarben, musterte Raguel Dorian noch einmal kritisch. “Er”, murmelte er unter seinem Atem, mit einem Fingerdeut auf die Fotografie, “war leitende Kraft in New York…”