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Mit schnarrender Stimme kündigte eine männliche Stimme aus den Lautsprechern den Zug nach Peterhead ab, welcher Station an Orten, die sie nicht kannte und schliesslich Aberdeen halten sollte, bevor er an seinem Ziel ankam. Den Warnhinweis, die weisse Linie am Bahnsteigrand doch bitte nicht zu übertreten, überhörte Dany beinahe. Ungeduldig rupfte sie an dem bunten Prospekt in ihren Händen herum und vergaß das Gewicht ihres Rucksackes beinahe, während sie immer wieder in die Richtung des Gleises sah, aus welcher der Zug kommen sollte. Aber er kam nicht und ausser ihr wurden auch andere Leute ungeduldig. Irgendwann erklang die männliche Stimme dann wieder und informierte die Fahrgäste über einen Personenschaden, wegen dem sich der Zug nun verspätete.
“Was?! So lange?“
Ungläubig starrte sie hoch zu einem der Lautsprecher, der ihr mit geteilt hatte, dass sie nun noch rund eineinhalb Stunden warten musste. Missmutig stellte sie ihren Rucksack ab und lehnte sich dagegen, nachdem sie sich auf ihre ausgebreitete Jacke gesetzt hatte und zum zwanzigsten Mal warf sie einen Blick in den Prospekt. Wo lag Nürnberg eigentlich. Wen interessierte das überhaupt? Sie war nie sehr gut in Geographie gewesen, aber sie glaubte, dass die Stadt irgendwo in Deutschland lag. Alleine der Name klang schon so deutsch. Nürnberg. In dem ergatterten Prospekt wurde Werbung für die grösste Spielzeugmesse Europas gemacht, grösser noch als die, zu welcher sie unterwegs war.. Extrem Nitro, das war ein Modellbau-Anbieter, stellte dort sicher auch aus, aber ihr genügte es völlig, sich seine Sachen in Aberdeen anzusehen. Wenn ich denn jemals dort ankomme.
Wieder sah Dany auf die grosse, weisse Bahnhofsuhr und sie hätte schwören können, dass die Zeiger still standen. Dann aber kroch der rote Sekundenzeiger so mühsam vorwärts, als wäre er eigens so langsam, nur um sie zu ärgern und das machte sie tatsächlich wütend. Für großartige Geduld war sie noch nie bekannt gewesen. Ausserdem hatte sie Hunger. Aus den Lautsprechern würde sicher ein Hinweis kommen, wenn ihr Zug doch noch kam und sie hoffte, dass sie ihn unter den vielen Bahnhofsansagen nicht überhören würde und wagte es, den Bahnsteig zu verlassen. In riesen großen Lettern prangte „Perth“ über den kleinen und viel zu teuren Bahnhofsläden und mit den ganzen Boutiquen und Uhrgeschäften konnte sie nichts anfangen und was es hier zu Essen gab, das verschmähte sie lieber. Es roch hier schon so seltsam. Immerhin gab es einen Zeitschriftenladen und in diesem vertrieb sie sich eine Weile die Zeit, blätterte in Comics und Science-Fiction-Büchern und versank dabei zwischen einigen Zeilen, ehe sie fand, dass sie nun besser wieder zurück auf den Bahnsteig ging.
“Guten Tag, kleine Lady. Darf ich mal einen Blick in Deinen Rucksack werfen?“
Mit einem nicht ausformulierten Häh? sah Dany über ihre Schulter und blickte gegen den schwarzen Stoff einer Anzugjacke, daran entlang nach oben zu einem Hemd in undefinierbaren Blau, zu dem der Mann eine quietschbunte Krawatte trug. Er hatte seine Hand auf ihre Schulter gelegt und sah sie ernst an. Und als er seine Bitte wiederholte, deutete er auf ihren Rucksack.
“Ehm, äh… nein? Warum überhaupt?“
„Ich glaube, Du hast da vorhin in dem Zeitschriftengeschäft etwas mit genommen, das nicht Dir gehört.“
Jetzt sah sie den Mann an, als wäre er eine sprechende Litfasssäule. Sie hatte noch nie in ihrem Leben etwas geklaut, auch wenn manche Jugendliche ihres Alters das cool fanden. Du Lügnerin. Und das Geld Deiner Mutter, was ist damit? Ertappt biss sie sich auf die Unterlippe, doch das galt nicht der Anschuldigung des Detektiven hier, so fasste dieser es aber auf und seine Forderung, einen Blick in den Rucksack werfen zu können, wurde stärker. Inzwischen sahen sogar andere Bahnsteiggäste herüber und manche tuschelten. Ja ja, die Jugend von heute!
“Das ist ein Irrtum, ich habe nichts mit genommen. Ich habe die Hefte und Bücher alle wieder zurück gestellt.“
Sie hatte nichts zu verbergen, also öffnete sie schliesslich den Reißverschluss ihres Rucksackes, um das, was sie sagte, beweisen zu können. Tausende heißer Nadelstiche fuhren ihr in den Magen, als sie auf dem Chaos ihrer wahllos zusammen gequetschten Klamotten eines der Bücher liegen sah, in welchem sie vorhin geblättert hatte. Aber das war doch gar nicht möglich, sie hatte nichts eingepackt und das versuchte sie dem Detektiv, auf dessen Namensschild „S. Morgan“ stand, heftigst zu erklären. Nutzlos. Er glaubte ihr nicht.
“Du wirst jetzt mit mir in mein Büro kommen. Und wenn Du es nicht zugibst, dann rufen wir eben die Polizei. Wo sind eigentlich Deine Eltern?“
Der Schrecken nahm langsam Überhand. Was, Polizei? Eltern?! Es war ihr so peinlich, dass ihr das hier vor so vielen Leuten passierte, zumal sie doch gar nichts gemacht hatte, das sie zugeben konnte und sie lud sicher keine Schuld auf sich, die sie nicht hatte. Ein dummer Zufall, mehr nicht, wegen so etwas rief man die Polizei nicht. Und sicher hatte ihre Mutter bereits eine Vermisstenanzeige aufgegeben falls sie nicht froh ist, ihre verrückte Tochter los zu sein und wer wusste was ihr blühte, wenn sie erst einmal wieder zu Hause war. Oder steckte man einen für Bücherdiebstahl nicht schon ins Gefängnis? Als Mr. Morgan wieder nach ihrer Schulter griff, stieß sie in ihrem inneren Chaos und sichtlichen Schrecken einen kieksenden Schrei aus und ging einen Schritt rückwärts, den er als Fluchtversuch interpretierte und kaum das sie wusste, wie ihr geschah, wehrte sie sich schon mit Händen und Füssen dagegen, dass der Detektiv sie hielt und schrie dabei immer wieder, dass das ein Irrtum sei, dass sie nichts gemacht habe und dass er kein Recht hätte, sie einfach fest zu halten. Die Schaulustigen waren mehr geworden und Dany glaubte, dass inzwischen jeder zu ihr her sah und glotzte, wie sie versuchte, sich mit Hieben und Tritten frei zu kämpfen. Bestimmt sogar der Mann, welcher die Bahnhofsansagen machte, die so verschwommen klangen, als kämen sie aus einem Radio, dessen Batterie sich zu Ende neigt. Ein weiterer, erschrockener Schrei erklang, dieses Mal allerdings war er nicht von ihr sondern von einer Frau, die auf das Bahngleis starrte und dort auf ihr Handy, dass ihr von irgend etwas aus der Hand gerissen wurde. Ein anderer schüttelte sein Handy, das auf einmal seltsame Geräusche von sich gab und der Funk eines Bahnhofsangestellten spielte verrückt. Dany wollte die Augen gar nicht aufmachen, denn sie wusste, was sie sehen würde und ihr war so schon furchtbar schwindlig. Tausende von Stimmfetzen drangen aber nicht nur an ihr Ohr, ein verzerrtes Kreischen trieb die Leute um sie herum auseinander und nun fielen noch mehr Mobiltelefone zu Boden, ein Kind weinte und ein Mann fluchte verwirrt. Die Worte aus dem Lautsprecher schienen nun rückwärts gesprochen zu werden und klangen dabei so unheimlich, dass manche blass wurden. Mr. Morgan gehörte zu ihnen und als Dany merkte, dass er sie nicht mehr fest zu halten versuchte, sah sie auf. Einer der großen, leuchtenden Buchstaben über den Bahnhofsläden brannte nicht mehr, die Leuchtstoffröhre darin musste durchgebrannt sein von irgendwo her echote das Pfeifen eines Radios so laut, dass sich die Leute die Ohren zuhielten. Nein, sie würde ganz sicher nicht ins Gefängnis gehen und sie war nicht so weit gekommen, um sich jetzt wegen einem dummen Zufall aufhalten zu lassen. Das Buch, welches sie angeblich gestohlen hatte, warf sie achtlos auf den Bahnsteig, dann packte sie ihren Rucksack und nutzte die Verdatterung aller, um zu flüchten. Und als sie die Stimme des Detektiven in ihrem Rücken hörte, wurde sie regelrecht panisch und alles, woran sie noch denken konnte war RENN!
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