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Viel Gepäck hatte sie nicht. Sie hatte nie viel Gepäck. Als sie vor etwas mehr als einem halben Jahr aus Irland verschwunden war hatte sie nur das nötigste eingepackt. In der Reisetasche, welche über ihrer rechten Schulter hing, hatte sie ihre Kleidung verstaut. Der Ruckacke auf ihrem Rücken beherbergte einige persönliche Dinge. Geldbeutel, ihre Stifte, ein Foto von ihr und ihrer Schwester, als sie beide noch Kinder waren, ein zerfleddertes Taschenbuch, welches sie wohl schon hundertmal gelesen hatte, und einigen anderen Krimskrams. Über der linken Schulter schließlich hing sorgsam verschlossen die Rolle, in welcher sie ihre Zeichnungen aufbewahrte.
Sie sah den Lichtern des Wagens hinterher, aus welchem sie soeben ausgestiegen war. Von Edinburgh aus war sie bis hierher getrampt. Etwas anderes hatte sie sich nicht leisten können, ihr ging langsam das Geld aus - mal wieder.
Gwen rückte den Gurt der Reisetasche zurecht, und stapfte los, die Straße entlang. Zunächst musste sie sich eine Bleibe für die Nacht suchen. Dafür reichte ihr Geld mit etwas Glück noch. Sie hatte jedoch versäumt die nette junge Frau, welche sie bis hierher mitgenommen hatte, zu fragen, wo es hier eine Pension gab. Also würde sie suchen müssen.
Die Innenstadt schien noch ein Stück entfernt zu liegen, denn die Straße die sie entlang lief war still, und unbelebt. Typische Vorstadtstimmung um kurz vor 23 Uhr. Aber sie würde schon in die belebtere Gegend finden.
Doch zunächst folgte sie einigen Gassen, welche einfach nur dunkel und still vor ihr lagen. Nicht dass es sie störte. Sie liebte die Dunkelheit und die Ruhe. Wäre es nicht nötig gewesen, eine Pension zu suchen, Gwen wäre gar nicht auf die Idee gekommen, nach der Innenstadt zu suchen.
Doch dann hörte sie aus einer Seitengasse Stimmen, un Schritte. Im Gleichen Moment setzte ein leichtes Kribbeln ein, welches sich über ihre Haut zog, ähnlich einer Gänsehaut. Wenige Sekunden später traten drei Männer aus der Straße heraus. Viel zu erkennen gab es nicht, denn sie alle trugen Baseballmützen, welche die Gesichter verbargen. Dazu dicke Bomberjacken in schwarz. Diese Aufmachung und ihr Verhalten beunruhigten Gwen augenblicklich.
Als sie sie erblickten blieben die drei stehen. Einer von ihnen legte den Kopf leicht zur Seite, und musterte sie anscheinend eingehend, denn das Kribbeln auf ihrer Haut verstärkte sich.
"Na, was haben wir denn da?" Der Tonfall in seiner Stimme behagte ihr ganz und gar nicht. Außerdem schien er getrunken zu haben, zumindest klang es danach.
"Ein Püppchen, um diese Zeit so ganz alleine hier. Sollen wir dir ein wenig Gesellschaft leisten?"
Es hätte nicht einmal des anzüglichen Tonfalls bedurft, um Gwen wissen zu lassen, welche Art von Gesellschaft gemeint war. Sie wich einen Schritt zurück. Einen von ihnen hätte sie vielleicht noch irgendwie alleine geschafft, doch drei Kerle zusammen zu schlagen, das traute sie sich nicht zu.
"Och, wohin denn so schnell? Keine Angst, wir beißen dich auch nicht." Der Kerl setzte sich in Bewegung, und machte einen Schritt auf sie zu. Die beiden anderen folgten ihm.
Gwen drehte sich um, und lief los. Sie musste sich verstecken. Zehn Schritte weiter schlüpfte sie um eine Ecke, in eine weitere Seitenstraße. Die nächste Laterne stand in einigen Metern Entfernung, und tauchte die Straße und den Gehweg in ein fahles Licht.
Als die drei Männer um die Ecke kamen, fanden sie eine leere Straße vor. Von dem mädchen war nichts zu sehen. Und es gab hier kaum Möglichkeiten, sich zu verstecken. Einer von ihnen fluchte. Ein anderer warf einen Blick in die Vorgärten. Doch nichts war zu sehen. Weiterhin leise fluchend zogen sie ab, die Sraße entlang, hin und wieder noch immer in Ecken schauend, wo sie ihr Opfer hätte verstecken können.
Irgendwann verhallten ihre leisen Stimmen. Ein Schatten, der so schwarz war, als würde er jegliches Licht schlucken kroch an der Wand des ersten Hauses in der Straße entlang, und schob sich um die Ecke. Dort verharrte er noch einen Augenblick lang, ehe er sich langsam auflöste... fast schien es, als verblasste er, solange, bis wieder Gwen sichtbar wurde, die an der Hauswand lehnte, und tief durchatmete.
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