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‚Alles eine Frage der Zeit.’
Nein, dieses Sprichwort war vollkommen falsch. Alles eine Frage der Dimension, der Gegenwart? Alles eine Frage von Hier und Jetzt. Ja. Und da gab es noch ein Sprichwort, das Scott in den Sinn kam, als er auf das Flugticket in seinen Händen sah.
‚Alles auf eine Karte setzen.’
Das hatte er nicht getan. Er hatte ein Ticket für den Hin- und auch eines für den Rückflug. Und doch nur eines für den Rückflug. Seine Finger glitten nachdenklich über das Papier, ehe er die Lasche schloss und alles in der Innentasche seines Sakkos verstaute. Er nahm den Gurt der Reisetasche über die Schulter und klackte das Licht im Zimmer aus. Der Flur war düster und verlassen, als er hinaus trat. Es war noch früher Morgen und es würde etwa eine Stunde dauern, ehe Bewegung in die Schüler kam und sich die noch vorherrschende Stille in Wohlgefallen auflöste. Natürlich ließ er die Kinder nicht allein, und natürlich hatte er seine Entscheidung so lange wie möglich hinaus gezögert, um alles in besten Händen zurück zu lassen, doch nun konnte er sich in keine Ausrede mehr flüchten oder darauf hoffen, dass sie von allein zurück kam – dass sie einsah, dass es falsch war zu gehen. In diesen Tagen war das Gefühl sehr deutlich geworden; Unsicherheit, schmerzhafte Verwirrung, vielleicht sogar Ratlosigkeit. Er spürte es. Er fühlte doch alles, was sie fühlte. Wie konnte sie glauben, er tat es nicht?
Hank trat auf den Gang und ihm in den Weg.
„Wann geht dein Flug?“ Aber Scott lächelte leicht.
„Was willst du mir sagen, Hank? Du weißt… ihr alle wisst, wann mein Flug geht. Ihr habt meine Telefonnummern, meine Adresse und ohnehin könnt ihr mich ständig erreichen. Aber ich muss dich loben, du hast lange gewartet, um mir deine Ansichten über mein Vorhaben anzuvertrauen.“
„Nein. Eigentlich wollte ich dich nur bitten, Ororo einen Gruß von mir auszurichten.“ Und tatsächlich schien Hank dem nichts mehr hinzufügen zu wollen, doch Scott wusste, dass, wenn er seinen Weg nun fortsetzte, dies nicht das letzte Wort zwischen ihnen war.
„Willst du sie etwa zurückschleifen?“ Da war es also. Immerhin hatte es Scott zwei Schritte an Hank vorbei geschafft. Seine Wangenmuskeln zuckten und er fuhr zum anderen herum, ehe er wenig charmant antwortete: „Ja, das hatte ich eigentlich im Sinn. Aber vielleicht lasse ich auch einfach einmal die rote Sonne aufgehen und setze dort an, wo ich aufgehört habe. Ein schöner kleiner Streit. Genau darum fliege ich nach Schottland!“
Doch dann hielt er einen Moment inne und es schien, als überlege er an den größten Schlussworten der Geschichte, obwohl er letztlich einfach nur sagte: „Verstehst du das denn nicht, Hank?“
„Wie könnte ich das verstehen? Für derart anmaßend kannst du mich nicht halten, Scott. Wenn es jemand versteht, dann nur ihr selbst.“ Doch dass es diesmal kein dummes Spiel war, keine vorübergehende Situation sondern bitterer Ernst, das ahnte sogar Hank, so dass ihm diesmal nichts einfallen wollte, was der ganzen Lage eine elegante Wendung geben konnte. Nur Shakespeare hätte seine wahre Freude an Jean und Scott gehabt. Tragödie in fünf Aufzügen. Scott nickte, als hätte er Hanks Gedanken erraten, aber wahrscheinlich bestätigte er nur seine Worte. Kurz legte er dem anderen die Hand auf die Schulter, dann wandte er sich dem Ausgang zu – wie ein helles Tor am Ende des düsteren Ganges. Die Sonne ging gerade auf und die ersten dünnen Strahlen krochen zu den Fenstern herein. Scott sah nicht mehr zurück und Hank ihm nicht nach; wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass sie sich wiedersehen würden.
Einigen Stunden später betrat er das Flugzeug und ärgerte sich schon wieder darüber, dass er sich bereit erklärt hatte, für Tyler Kindermädchen zu spielen und darum mit einem Linienflieger Vorlieb nehmen musste. Aber trotz allem, was vorgefallen war, fühlte er sich noch immer für ihn verantwortlich – in irgendeiner Weise. Schlechte Gewohnheiten legte man nun mal nicht ab. Er sagte kein einziges Wort, als er neben Tyler Platz nahm und sich in den Sitz zurücksinken ließ.
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