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nicht ruhen lassen wollen, empfiehlt die SL euch
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auf der neuen Plattform und hoffen
euch alle in alter Frische und mit dem gleichen Elan
bald auch wieder an dieser Stelle begrüssen zu können.
Der Nebel war dick genug, um ihn mit dem Messer zu schneiden. Unwillig stampfte die Lokomotive mit ihrer Last durch die noch junge Nacht. Ihre Scheinwerfer und die Lichter der Waggons mochten in einer klaren Nacht normal ausgesehen haben, doch heute nacht verwandelten der Nachtzug nach Inverness und der Nebel die Landschaft in ein groteskes Spiel aus Licht und Dunkelheit.
Nach einer halben Stunde war der Nebel gänzlich verschwunden, die Nacht hingegen schien ungleich dunkler geworden zu sein, obwohl am Nachthimmel unzählige Sterne funkelten. Mit lauten Geräuschen schob sich die stählerne Lawine das Gleis entlang, wurde langsamer und kam schließlich am Bahnsteig von Inverness zum Stehen.
In den ersten Momenten war noch alles wie immer, Türen öffneten sich und Passagiere stiegen aus, trugen ihr Gepäck den Bahnstein entlang oder wurden von Freunden oder Angehörigen freudig begrüßt. Dann geschah es.
Mit einen lauten Knall sprang eine Tür ganz hinten am Zug auf. Ein dunkelgraues Etwas flog wie von einer Kanone geschossen aus dem Waggon, traf einen der Träger, die das Vordach über dem Bahnsteig stützten, fiel zu Boden und blieb liegen. Nur Sekunden später ertönte ein Schrei, als ein junger Mann der abgewetzten Sporttasche auf dieselbe rasante Art folgte. Mit einem Stöhnen prallte er auf dem Boden auf, rollte ungeschickt ab und richtete sich schließlich auf.
„Oh, guter Schlag! Du findest das wohl witzig?!“ brüllte er in Richtung des Waggons. Ärger stand in seinem Gesicht geschrieben, fast Zorn und dennoch war da etwas Zufriedenes in seinem Blick. Es war als würden seine leuchtenden, dunkelgrünen Augen den anderen herausfordern, als hätte er nur auf diese Gelegenheit gewartet...
Komm nur, komm nur her und ich werde...
Ty drehte seinen Kopf, als ihm bewusst wurde, dass es auf dem Bahnhof völlig still geworden war. Abgesehen vom Summen der Beleuchtung und dem Brummen und Zischen des Zuges war nichts mehr zu hören. Alle Menschen hatten aufgehört sich zu unterhalten und nun starrten ihm Dutzende von Augenpaaren entgegen. Der junge Mann in den dunklen Kleidungsstücken zwang sich, nicht zurückzustarren und begann sich den Staub von der schwarzen Segeltuchjacke zu klopfen. Als ihn immer noch alle anstarrten, hielt er es nicht mehr aus.
„WAS?! Was gibt’s denn da zu glotzen?!“ brüllte er der Menge entgegen, die urplötzlich wieder zu leben begann, und machte ein paar schnelle Schritte auf sie zu. Er stoppte, als er sah, dass sie ihm nicht länger Beachtung schenkten.
Ty klopfte sich noch etwas vom Staub des Bahnsteiges von der Hose, fuhr sich mit der Rechten durch das wilde, kastanienfarbene Haar und ging, um seine Tasche aufzuheben.
Während Ty noch die Menge anbrüllte, trat Scott mit langsamen Schritten die eisernen Stufen des Waggons hinab und wischte sich einen Fussel von der Schulter. Was zum Henker trieb diesen Jungen, ihm… ausgerechnet IHM Vorschriften zu machen?! Nein. Scott war niemand, der schnell die Nerven verlor, aber Ty provozierte ihn in unvorteilhafter Weise und ohne es selbst zu wissen.
„Also, ich weiß ja, dass ich hier bleiben will. Zu dumm nur, dass du völlig umsonst mitgekommen bist. Scheint, als müsstest du die Rückreise allein antreten...“ Tylers Worte, kurz bevor Scott ihn im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Zug geschmissen hatte.
Jean würde ihn anhören. Das musste sie, darauf hatte er ein Anrecht. Ein gottverdammtes Anrecht! Schlimm genug, dass er die Reise mit Tyler Knight hatte begehen müssen, doch wenigstens war der Jüngere bis zu diesem Zeitpunkt ruhig gewesen, und er selbst hatte darüber nachdenken können, was er Jean sagen wollte, wenn er ihr gegenüber trat. Ja, er hatte sich die Worte sehr gut zurecht gelegt.
Er sah weder nach links noch nach rechts, als er auf Ty, der gerade damit beschäftigt war, seine Tasche aufzuheben, zuging. Dass sich alle in dem Moment abgewandt hatten, als Scott den Bahnhof betreten hatte, war kein Zufall gewesen, denn dessen Erscheinung konnte durchaus Furcht einflößend sein, wenn er wollte – und JETZT wollte er. Kleine Steinchen knirschten unter seinen Schuhen, als er sich dem anderen näherte. Für Ty sollte das noch nicht ausgestanden sein. Und nein; witzig war das Ganze nicht. Jetzt wurde erst einmal Klartext gesprochen.
Scott packte den jungen Mann mit unbarmherzigem Griff am Kragen und schleifte ihn mit sich in die nächste Unterführung, wo er ihn mit dem Hinterkopf gegen die Steinwand knallte. Bevor der andere wirklich reagieren konnte, lag seine Hand schon um dessen Hals.
„So, und jetzt hör mir mal genau zu, Ty“, zischte er zwischen den Zähnen und kam ihm mit dem Visor bedrohlich nahe. Seine Stimme hatte einen gefährlichen Unterton angenommen, der keinerlei Widerworte duldete. „Wie du dir dein Leben versauen willst, ist mir letztlich scheißegal, aber solange du nicht in diesem verdammten Institut bist, tust du, was ich dir sage. Und das ist keine Bitte. Solange du es als gegeben hinnimmst, werden wir keine Schwierigkeiten miteinander haben.“ Die Halsschlagader trat langsam hervor, während er seinen Befehl klar darstellte.
Das war kein Scherz und sogar Ty musste spätestens jetzt einleuchten, dass Scott keine Witze machte. Scott Summers verlor so gut wie nie die Beherrschung, aber wenn er es tat, dann wurde es ernst. Und in diesem Augenblick stand er kurz davor. Das lag nicht an Tyler selbst, auch wenn es sich dieser vielleicht gern eingebildet hätte. Es lag schlichtweg an der Tatsache, dass Scott absolut keine Ahnung hatte, was ihn in diesem Institut erwartete.
Schließlich ließ er Ty abrupt los und wandte sich einem Mann zu, der Scotts Reisetasche über der Schulter trug. Jener war gerade hinzugetreten, so dass Scott ihm die Hand grüßend schüttelte.
„Schön, dass du gekommen bist, Deryll. Ich bin dir etwas schuldig.“
„Nein, ich war dir etwas schuldig, Scott. Wenn ihr dann soweit wärt?“
Und ob sie soweit waren. Nicht wahr… Tyler?
Der Aufprall allein hatte ihm die Luft aus den Lungen gedrückt. Am Hinterkopf begann sich ein dumpfer Schmerz auszubreiten. Die Hand an seiner Kehle erschwerte ihm das Atmen beträchtlich. Aber all das war nebensächlich. Im Moment hatte Ty nur Augen für den Visor, der unangenehm dicht vor seinen Augen schwebte. So dicht, er hätte schwören können, einige Muster im Rubinquarz zu erkennen. Wenn's jetzt hell wird, war's das...
Dann Scotts Stimme, die ihm eindringlich zu verstehen gab, dass er zu weit gegangen war. Nicht mit Worten natürlich, aber der Tonfall liess keinen Zweifel daran. Und Ty war zu weit gegangen, das wusste er. Er wollte es ja auch, er hatte es provoziert... und doch nicht damit gerechnet, dass Scott wirklich die Beherrschung verlieren würde.
Ty schluckte hart und nickte dann, aus seinen Augen war das streitlustige Funkeln gänzlich gewichen. Als die fremde Hand von seiner Kehle verschwunden war, schnappte er sofort nach Luft, hustete etwas und massierte vorsichtig die verletzliche Haut an seinem Hals.
Er bemerkte den anderen Mann erst, als dieser sich schon mit Scott unterhielt. Wortlos bückte sich Ty und hob seine Tasche auf, die er bei Scotts überraschendem Angriff hatte fallen lassen. Er trat dann auf die beiden Männer zu und nickte dem Neuankömmling Daryl? Deryll? Irgendwie sowas... zu. "Ich bin soweit," sagte er leise, während seine Hand vorsichtig über den Hinterkopf fuhr.
Ty hatte in den nächsten Minuten viel nachzudenken. Vor allem aber hatte er über Scott nachzudenken. Solange ich nicht in diesem verdammten Institut bin, ja? Dann wird es Zeit, dass wir da hinkommen, dass das hier ein Ende hat.
Innerlich seufzte er. Er hatte sich zu etwas hinreißen lassen, das ihm jetzt schon wieder leid tat. Vielleicht war es auch nur sein eigenes Versagen und nicht das von Tyler Knight. Er schaffte es nun mal nicht, dem anderen begreiflich zu machen, wie wichtig es für ein Team war, sich aufeinander verlassen zu können… und nicht nur das; für jeden von ihnen auch zu sterben, sollte es notwendig sein. Er hatte sich bereit erklärt, Ty zu begleiten, da er sich eben für ihn verantwortlich fühlte. Immer noch. Vollkommen gleich, wie weit Tyler mit seinen Fähigkeiten war – und für seine Verbissenheit war er durchaus weit –, aber für Scott hatte er die wichtigste Lektion noch immer nicht gelernt und war darum nichts anderes als ein Schüler. Sein Schüler. Das war er solange, bis er ihn in andere Obhut geben konnte. Vielleicht hatte Ororo ja mehr Glück mit ihm.
Diese Gedanken lenkten ihn wenigstens von seinem Hauptproblem ab und er wandte sich schwungvoll zu Tyler um, während er zu Deryll sagte:
„Das ist Tyler Knight, er muss ebenfalls zum Institut. Ty, ich möchte dir Deryll Gordon vorstellen. Er wird uns fahren.“
Wahrscheinlich war es nur Höflichkeit, doch Scotts Timbre klang schon um einige Nuancen versöhnlicher. Dass er ‚ebenfalls’ gesagt hatte, fiel ihm selbst überhaupt nicht auf. Deryll streckte auch Ty die Hand entgegen und nickte. Es war nicht wirklich ersichtlich, ob auch er ein Mutant war, doch hatte Deryll die zuweilen recht nervige Angewohnheit, mit dem linken Augenlid zu zucken. Ty kam nicht lange in diesen Genuss, denn Scott trat bereits durch die Unterführung und Derylls massige Gestalt folgte ihm nach.
Es war ein recht alter blau metallic Rover, der auf sie wartete.
War Scott nervös?
Die Aktion vor nicht einmal 2 Minuten hatte es wohl bewiesen.
Ty hatte den festen Händedruck des Mannes gespürt und erwidert. Für seine verwöhnten amerikanischen Ohren klang der Name noch etwas seltsam.
Deryll... Ob ich mich wohl an diesen schottischen Akzent gewöhnen werde? Oder selbst so sprechen?
Ty kletterte hinten ins Auto und hielt seine Tasche auf den Knien fest. Er hatte es vermieden, weiter über Scott nachzudenken, aber ein winziger nagender Rest von Zweifel war geblieben. Zweifel, wer von beiden eigentlich falsch lag. Ty tat sein Möglichstes, um nicht darüber nachzudenken, konnte aber nicht umhin, Scott eine gewisse Form von Mitleid entgegenzubringen. Für ihn war Schottland eine Gelegenheit, etwas richtig zu machen; für Scott war es ein Spießrutenlauf. Urplötzlich kam Ty ein Gedanke.
Er ist hier, um einen Fehler zu korrigieren! Der Mustersoldat hat einen Fehler gemacht, er hat versagt und nun versucht er es wieder gerade zu biegen.
Ty entschied sich in diesem Moment, Scott in Ruhe zu lassen. Was auch immer er und Jean zu klären hatten, es ging ihn nichts an. Ty wusste nur, dass Scott damit genug beschäftigt sein würde.
Während der Fahrt machte sich Ty Gedanken über seine Zukunft hier. Würde er ein eigenes Zimmer bekommen, wie bisher? Er hoffte es. Und er nahm sich vor, sofort am nächsten Morgen die Gegend zu erkunden. Er würde Hank schreiben müssen, da er in seiner Hast keine Zeit mehr gehabt hatte, seine Drachen einzupacken.
Vor allem aber beschäftigte Ty die Frage, wie man ihn behandeln würde. Würde man ihn bleiben lassen? Stumm brütete er auf der Rückbank des Autos vor sich hin.
Ja, der Mustersoldat hatte einen Fehler gemacht und zwar auf ganzer Linie. Nicht als Soldat, aber als Mensch. Sich selbst Fehler einzugestehen war etwas, das er einfach nicht konnte. Und er hasste es umso mehr, wenn andere ihn dafür bemitleideten. Scott Summers beging keine Fehler, Scott Summers hatte keine Fehler zu begehen, und wenn er Ty’s Gedanken erraten hätte, hätte er ihm wohl noch nachträglich Feuer unterm Arsch gemacht. So lehnte er sich aber nur auf dem Beifahrersitz zurück und rieb sich über die pochende Schläfe, während sie den Ortskern hinter sich ließen und Deryll auf die Überlandstraße zuhielt. Das Motorengeräusch des Rovers war trotz dessen Alter beruhigend eintönig und nahezu einschläfernd; wäre man denn in der Lage, zur Ruhe zu kommen. Scott war es nicht. Während sie durch den Abend fuhren, brauten sich einige Wolken am Himmel zusammen und sofort musste Scott an Ororo denken.
„Weißt du etwas, Deryll?“
„Nein, ich weiß nur, dass sie hier angekommen sind. Siehst du dort das Anwesen zwischen den Bäumen?“ Sie waren gerade in die Zufahrtsstraße zum Institut eingebogen. „Das ist es.“
Ein seltsames Gefühl beschlich ihn, ohne dass er direkt sagen konnte, um was es sich dabei handelte. Vielleicht waren es auch einfach nur die Worte: Das ist es. Kurz warf er einen Blick über die Lehne und in Tylers Richtung, doch der hatte wohl für heute genug. Beinahe wäre ihm ein Schmunzeln über die Lippen gekommen, aber er hielt sich diszipliniert zurück. Auch sagte er nichts, Ty sollte ruhig ein wenig nachdenken.
Es dauerte noch einige Minuten, bis sie das eiserne Tor des Anwesens erreichten. Ein altes Herrenhaus? Den Eindruck erweckte das Gebäude jedenfalls. Die Geschichte der USA war erst ein paar Jahrhunderte alt, so dass es dort nichts Vergleichbares gab. Scott erkannte neben dem Haupthaus einige Nebengebäude und eine Halle, wobei letztere wohl noch nicht allzu alt war. Deryll ließ den Wagen mitten im Hof zum Stehen kommen, wenngleich er den Motor laufen ließ, da er nicht vorhatte, mit auszusteigen. Stattdessen drehte er sich im Sitz zu Scott, so dass die Polsterung des Sitzes knirschte.
„Du weißt, wie du mich erreichst.“
„Vielen Dank, aber das wird nicht nötig sein.“
Beide nickten leicht, beide in der Erkenntnis, dass das Angebot trotzdem bestehen blieb. Scott schwang sich aus dem Wagen und ging nach hinten zum Kofferraum, wo er sich seine Reisetasche griff.