Das X-odus Forum befindet sich derzeit in einer Pause.
Für all Diejenigen, die ihre Charaktere bis zum Wiederbeginn
nicht ruhen lassen wollen, empfiehlt die SL euch
diese Seite.
Wir wünschen unseren fleissigen Usern viel Spass
auf der neuen Plattform und hoffen
euch alle in alter Frische und mit dem gleichen Elan
bald auch wieder an dieser Stelle begrüssen zu können.
Hier unten war wirklich nicht geheizt und Jeans Kaffee schlug kleine Nebel auf dem Weg über den Becherrand hin in den Nebeltod. Ihre grünen Augen wanderten in der momentanen Dunkelheit herum und suchten nach einem Weg, nach einer Lichtquelle und deren Auslöser. Aus einem unbewussten Reflex streckte sie den Arm und berührte die Wand.
Waren hier nicht immer Lichtschalter angebracht? So in Brusthöhe? Gut erreichbar und die Angst vor der Dunkelheit vertreibend?
Ob Jean Angst vor der Dunkelheit hatte, war seit dem Erwachen ihrer Gabe sowieso hinfällig. Denn selbst wenn ihre Augen nicht sahen, ihr Geist war beinahe allmächtig in der Dunkelheit. Nur mussten dafür Menschen anwesend sein, deren Gedanken sich gerade mit der Dunkelheit beschäftigten und ihr somit mehr als zwei Augen gaben. Doch auch Scotts Sinne waren in der für ihn stärker werdenden Dunkelheit noch am gewöhnen.
Klack, Plastik auf Plastik.
Das hörbare Zittern der Leuchtstoffröhren spendete Trost und die Gewissheit, dass es bald Licht wurde. Und tatsächlich, ausgehend von ihrer Hand verbreitete sich eine Welle aus Licht und Flackern im ganzen Kellerraum und beleuchtete sogar Teile, die noch um die Ecke verborgen lagen.
Stille, einen Atemzug lang.
Ihre Lippen fanden den Kaffeebecher, als sie ihre Hand wieder sinken ließ und sich umsah. Ein Werkzeugraum, oder wie Scott sich auch ausgedrückt hatte. Wäre nicht schwer zu finden, wie sie feststellte, denn die Türen waren größtenteils mit Schildern ausgestattet.
„Wirkt ziemlich klein, oder?“
Sie sprach, Jean sprach zum ersten Mal hier unten und füllte den Raum, wie ihren Kopf mit ihrer hallenden, zarten Stimme. Wobei der Keller ein beruhigendes und ihr Kopf ein gruseliges Echo zurückgaben. Beinahe wäre ihre Gänsehaut von Kühle in Angst umgeschlagen. Doch sie kannte dieses Echo einfach schon zu gut, als dass sie schreiend weggerannt wäre.
Vor seinem Kopf konnte man nicht weglaufen. Das konnte nur der Kopflose Reiter.
Es lag bestimmt nur an dieser seltsamen Atmosphäre und an die ohnehin schon so angespannten Nerven, dass das unheimliche Gefühl in der Magengegen blieb und sich nicht verflüchtigte, selbst als Jean das Licht angeknipst hatte.
Vielleicht war es ja einfach das Klischee und die Ängste die man als Kleinkind so im allgemeinen vor dunklen unbekannten Kellerräumen hatte, dass jetzt wieder hervor brach aber die Gänsehaut die wie ein scharfes Messer über das Rückrad bis hoch auf die Kopfhaut krauchte, wurde durch Jeans Telepathie auch nicht gemindert.
Sicherlich Jean war und ist eine starke Telepathin, dennoch gab es Teile in diesem Raum die sie gedanklich nicht erreichen und nicht abscannen konnte. Aber hatte Scott das Geräusch auch gehört?
Ein jämmerliches Keuchen das entstannd wenn jemand aus schierer Panik nach Luft jappste.
Scott hatte seinen Visor nicht auf und einen Moment schien es so, als wolle er noch einmal kehrt machen, um jenen zu holen. Aber wozu brauchte er schon einen Visor im Keller des Instituts? Und tatsächlich war der Gang breit und im künstlichen Licht weniger befremdlich oder Angst einflössend als das vermeintlich Unbekannte in absoluter Dunkelheit.
Die Türen zu den Werkräumen waren neu, in dunklem Blau und von leicht spiegelnder Farbe. Der rechte Gang barg zwei Türen auf der einen Seite und drei auf der anderen, wobei er noch eine leichte Biegung machte, die letztlich nicht mehr einsichtig war. Und genau in diese Richtung ging Scott. Der linke Korridor interessierte ihn überhaupt nicht. Einige Schilder an den Türen wiesen die Räume dahinter als ‚Waschküche’, ‚Lager’ oder ‚Archiv’ aus. All dies interessierte Scott nicht im Mindesten, wenngleich er auf Jean wartete und leicht lächelte.
„Du hast doch nicht etwa Angst, Jean?“
Wenn Scott irgendetwas gehört haben sollte, und normalerweise hörte er seit seinem Training noch mehr als andere, so zeigte er dies jedenfalls mit keiner Geste. Ob er den Grundriss des Gebäudes gesehen hatte? Immerhin möglich, aber dann müsste er wohl auch erkannt haben, dass der Keller recht unspektakulär war. Dieses Anwesen jedenfalls war recht alt, soviel stand nun mal fest. Mit einem Mal streckte er ihr die Hand entgegen, so als wollte er ihr mögliche Furcht nehmen. Möglicherweise war dies aber auch eine Vorsichtsmaßnahme.
„Ja, durchaus. Groß ist es nicht. Früher war es wohl ein wenig größer.“
Was immer er auch damit meinte.
Und mit diesen Worten ging er weiter den Flur entlang. Augenscheinlich, um das Ende des Ganges zu erreichen. Auch Scott hatte ein seltsames Gefühl, aber vielleicht war es auch nur die Tatsache, dass derart alte Gebäude immer eine gewisse Ehrfurcht vor vergangenen Jahrhunderten hervorriefen.
Die Momente zwischen seinen Sätzen schienen sich endlos zu dehnen, als sie in Gedanken versank. Es war viel zu einfach. Jetzt, wo endlich keine wirren Stimmen in ihrem Kopf waren, fiel es so leicht in die unendliche Leere zu fallen. Nur ein Augenblinzeln lang stand sie wie angewurzelt dar, nichts außergewöhnliches, doch in ihrem Kopf zog sich das alles hin, wie bei einem Kaugummi und er riss einfach nicht.
Die Schatten an den Wänden und in den Nischen, waren sie immer so dunkel?
Die Luft, stand sie oft so still?
Der Duft, der keiner war und doch drang er verstärkt zu ihr.
Ihre Sinne waren für den Bruchteil einer Sekunde gespannt. Ihre Augen ruhten und ihr Atem hatte die momentane Ruhephase erreicht. Lang und länger wurde die Stille und sie fiel, fiel tiefer hinein in das, was sie selbst war.
Früher war es wohl ein wenig größer.
Und er riss doch.
Jean blinzelte. Der Augenblick war vorbei und sie wandte den Kopf zu ihm, trank einen Schluck vom Kaffee und ging auf ihn zu. Dieser Moment war, als hätte man auf Standbild gedrückt und ließ es nun ruckartig einfach weiterlaufen. Keine Spuren, keine Indizien für ihre kurze Reise ins Ich und doch blieb die Erinnerung an die geschärfte Wahrnehmung.
Man musste kein Tier sein, oder?
Koffein reichte völlig aus.
Sie nahm seine Hand nicht. Dafür trat sie dicht neben ihn und sah zu den Türen. Schließlich setzte er sich in Bewegung und wie im Autoverkehr folgte sie ihm einen Moment später mit kurzem Abstand.
Jean ahnte nichts.
Musste sie etwas ahnen?
Der Moment war einfach zu harmlos und ohne Ziel, oder?
„Das Wasser hier schmeckt anders“, stürzte es über ihre Lippen und sie war von sich selbst überrascht woher diese Feststellung kam. Etwa aus dem schwarzen Nichts in ihrem Kopf? Jetzt wo sie allein gewesen war da drin? Aber diese Dinge kamen immer mal wieder vor. Eine Jean die sich über Dinge den Kopf zerbrach, der so völlig unbeeinflusst von außen war. Die Vision einer Jean ohne Mutation?
Der Weg der Beiden müsste sie ja gerade vorbei an die große Waschküche und das gegenüber liegende Möbellager und das Archiv geführt haben. Würden sie weiter den Weg geradeaus einschlagen wurde der Korridor langsam enger und schleuste sie vorbei an den Türen mit der Aufschrift "Wasser" zu ihrer Rechten und "Heizung & Sicherungen" zu ihrer Linken.
Schlecht zu sagen woher der Gedanke nun kam, aber Scott und Jean offenbarte sich in aller Deutlichkeit, dass die Kellerräume früher mal ein Verliess gewesen waren, logische Schlussfolgerung aber warum genau war es dann so als würden sie just in dem Augenblick den Gestank von saurem Schweiss und scharfen Ammoniak wahrnehmen?
Wieder erklang ein Geräusch. Der Laut der entstand wenn ein hölzener Gegenstand auf Steinboden aufprallte. Zugegeben die Kellerräume waren ja auch für jeden Schüler zugänglich und wer wusste schon ob nicht ein Schüler klammheimlich in die Speisekammer geschlichen war um dort nach herzenslust zu naschen. Es war schon seltsam was die Fantasie dem Paar unabhängig von einander so alles einreden konnten.
Sie waren nicht allein...sie wurden beobachtet....
Der Inhalt in Jeans Tasse war geschrumpft und nun konnte sie den Boden sehen, auf dem sich nur noch ein Rinnsaal fand. Ihr Gesicht war verschwunden, das Spiegelbild war fort und nun prangte nur noch der blanke Becherboden auf dem Grund der Tasse.
Plötzlich lief ihr ein eisiger Schauer über den Rücken. Sie zuckte zusammen.
„Hast du das gehört?“
Was war das? Waren das Schüler? Jemand vom hiesigen Team oder vielleicht doch ein Schlossgespenst? Ein Schlossgespenst, das war sogar für Jean eine unglaublich blöde Idee und doch hatte sie die gehabt.
„Wo kam das her?“
Dabei war es beinahe klar. Das Geräusch lag vor ihnen, nah und unheimlich.
Wie stark war die Vernunft in einem Menschen, der das Unglaublichste schon gesehen hatte? Groß oder klein? Wie viel spielte Berechenbarkeit mit? Konnten einen diese Fragen verrückt machen? Die Möglichkeit bestand. Irgendwo.
Ein salziger, schwerer Geruch stieg Jean in die Nase. Doch es hätte auch Erinnerung sein können. Der Geruch von Blut stieg schließlich auch ab und zu von Jeans Lippen zu ihrem Kopf hinauf. Und sofort schmeckte sie es auf der Zunge. Eklig und doch irgendwie süß.
Dieses Kribbeln im Nacken, wenn man beobachtet wurde, gab ihr den letzten Rest.
Scott hätte dieses Geräusch ja einfach weg gelogen, wenn Jean es nicht auch gehört hätte. Dinge ignorieren, die er nicht sofort erklären konnte; darin war er einfach ziemlich gut. Und solange noch niemand aus irgendeiner Ecke sprang, war dieses seltsame Phänomen für ihn nicht beachtenswert. Er war sich auch ziemlich sicher, dass dieser Ammoniakgeruch gerade eben noch nicht da gewesen war. Irgendjemand oder etwas wollte sie davon abhalten, dass sie weiter gingen und genau das hielt Scott dazu an, nicht stehen zu bleiben. Allerdings griff er nun doch nach Jeans Handgelenk und zog sie mit sich.
„Ich habe es gehört“, antwortete er auf ihre Frage hin und ließ den Blick ebenso schweifen. Nein, er hatte nie vorgehabt, sich die Werkstatt anzusehen, er hatte lediglich gesagt, dass er dort nur Werkräume erwartete. Dass das nun nicht ganz richtig gewesen war, musste Jean spätestens jetzt auffallen.
„Es wäre möglich, dass der Keller hier einst Verliese hatte. Allerdings gibt es die Subs, so dass etwaige Folterkammern wohl in den Katakomben gewesen sind. Soweit ich weiß, hatten die meisten schottischen Burgen keine Katakomben und die Keller hatten höchstens ein oder zwei Gefängnisse, denn die Gerichtsbarkeit der Lords war zur geschätzten Zeit dieser Anlage hier äußerst eingeschränkt. Dafür gab es die Tolbooths. Wahrscheinlich sind die Katakomben noch älter als dieses Gebäude hier, welches irgendwann über den Subs erbaut worden ist.“
Eigentlich sprach er nur, um Jean abzulenken, während er weiter über den Flur ging. Allzu groß war das Ganze nicht, aber er war sich nun ziemlich sicher, dass diese Kelleranlage einst viel größer gewesen war, als es ihnen dieser Abriss hier zeigen wollte. Nach einer Weile ließ er sie wieder los, denn einige Türen bestanden aus Holz und waren… verschlossen. Scott ging weiter, bis sie das Ende des Ganges erreichten und auch dort eine Tür zu sehen war. Als er das Vorhängeschloss näher betrachtete, stellte er fest, dass es bereits von kurzer Zeit geknackt worden war.
„Jean… sagtest du nicht, dass dieser Kassander das Schloss des Safes geknackt hat?“
Hier war der Geruch noch muffiger, der Eindruck eines Gefängnisses beinahe kaum mehr zu ignorieren und doch schien Scott sich davon nicht beeindrucken lassen zu wollen. Offensichtlich wollte er genau in diesen Raum… gleichgültig, was dort vor kurzem vielleicht heraus gekommen war.
Die unheimliche Stimmung die, die Beiden gerade noch umgeben hatte mit der Absicht sie zu beherrschen, hörte einfach auf. Den eiskalten Lufthauch würden Jean und Scott zwar noch wahrnehmen, aber sie waren doch beide einfach schon zu alt um an Geister zu glauben. Trotzdem ließ es sich so beschreiben als sei etwas an ihnen vorbei geflogen, nur der Wind der durch die nicht vorhandene Ritzen pfiff?
Vor ihnen lag nicht mehr und nicht weniger als die Kellerräume des Instituts. Vor ihnen nun die Speisekammer und hinter der Speisekammer der Weinkeller aus dem der gemurmelte Laut eines Mädchens drang.
Sicherlich, Charleen hatte das Schloss schon aufgebrochen vorgefunden, doch was hätte sie tun sollen? Zu Ororo gehen und ihr davon erzählen, dass sie selbst in den Kellerräumen herum schnüffelte?
Sie stand an der Nordwand -Jean und Scott den Rücken zugedreht- und hatte bereits das Regal von der Wand fort geschoben um die Steinwand kritisch zu untersuchen und mit den Handflächen über deren Oberfläche zu fahren.
Scott schob die Tür ganz auf, als er das Murmeln wahrnahm, das sich weniger gespenstisch als vielmehr menschlich anhörte. Einen Augenblick überlegte er, woher er dieses lange dunkle Haar kannte, ehe er Charleen wiedererkannte und sich erst ein leichtes Schmunzeln auf seinen Lippen ausbreitete, ehe er einige Schritte in den Raum vortat.
"Was machst du denn hier, Charleen?" Das war Scotts Art, einfach mal Hallo zu sagen, denn es war eine Weile her, seit er das Mädchen gesehen hatte. Dennoch war seiner Wortmelodie zu entnehmen, dass er sich durchaus über diese unerwartete Begegnung freute. Charleen war immer eine sehr gute und strebsame Schülerin gewesen und gewiss war sie das immer noch. Er hatte gern mit ihr gearbeitet.
"Suchst du die Geister, die hier im Gemäuer herumspuken?" Eigentlich wusste er genau, was sie suchte, denn eben danach suchte er auch. Das alles hatte sowas von einer Schatzsucherstory, dass sein Grinsen nicht gleich zu tilgen war. Ob Charleen auch schon zu spät kam?
Scotts Präsenz in der Tür verbarg Jean direkt vor jeglicher Aufmerksamkeit. Zumindest für einen Moment. Ihr Blick lag auf dem geknackten Schloss. Seltsamerweise hatte Kassander keine solchen Spuren hinterlassen. Als sie sich Sinnloserweise an dem geknackten Schloss sattgesehen hatte, trat sie hinter Scott in den Raum.
Ja, auch sie kannte dieses Haarschopf. Nicht zuletzt, weil er sie an einen Vorfall erinnerte. Ein leichtes Schmunzeln lag auf ihren Lippen. Mittlerweile hatte diese Szene nichts mehr von einer harmlosen Suche, sondern mutierte zu einer Schnipseljagd. Nur gab es in solchen Geschichten nicht immer Falschspieler?
Das Reden hatte Scott übernommen und so übernahm Jean es, sich einmal gründlich umzusehen. Das Haus wirkte wesentlich größer, allein von den Gängen her und hier unten war alles gestaucht oder? Wer sollte einen kleineren Keller bauen, als es das Erdgeschoss hergab? Sie hatte mal im Geist eines Architekten gesteckt und einiges an Wissen aufgeschnappt.
So ergab Charleens Suche an der Wand durchaus Sinn. Aber im Gegensatz zu Jean wussten Scott und sie anscheinend nur zu genau, was sie eigentlich suchten.
Natürlich erschrak Charleen und das nicht zu knapp, sie gab einen verängstigten Laut von sich und wirbelte dennoch herum -bereit den Angreifer in die Flucht zu schlagen, wie auch immer- dennoch drängte sie sich an die Wand und war sie gerade noch schreckensbleich gewesen schoss ihr das Blut nun heiss in die Wangen.
Eigentlich war sie ja gehorsam, aber sie war eben auch zu neugierig und da sie sich ihre Schwester Rohey immer zum Vorbild nahm, hatte sie das getan was Rohey auch getan hätte: Der Sache zu erforschen.
"Mister....Scott." das sie verlegen war, hätte sogar ein Blinder erkannt. Sie strich sich eilig die Haare aus dem Gesicht und lächelte dann. "Mister Summers" verbesserte sie sich und ihr nervöses lächeln wurde abgelöst von echter Freude ihn wiederzusehen.
In ihrer herzlichen und überschäumenden Art überbrückte sie die paar Meter zwischen ihnen und schlang ihm die Arme um den Hals um ihn einen Kuss auf die Wange zu drücken. "Wie schön Sie zu sehen." Charleen hatte sich gemacht, vor gut einem Jahr wäre sie noch nicht dazu in der Lage gewesen ihn so zu begrüssen. Aber vielleicht lag es auch einfach nur an der außergewöhnlichen Situation.
Sie trat von ihm zurück und linste an ihm vorbei zu Miss Grey um sie schuldbewusst anzublinzeln. Wetten das jetzt der große Tadel kam?
Nun ja, erschrecken hatte er sie natürlich nicht wollen. Aber er erinnerte sich, dass Charleen immer schon ein wenig schüchtern gewesen war und augenscheinlich tat sie hier etwas, das sie nicht tun sollte; sie schnüffelte auf eigene Faust und gewiss, ohne jemandem Bescheid gesagt zu haben. So etwas konnte auch mal daneben gehen und genau das wäre tatsächlich tadelnswert gewesen.
Mister Scott... auch eine Variante, aber er bemühte sich, das ganz ernst entgegen zu nehmen, so dass er nickte. Und anders als stets bei Ty, trat er Charleen gegenüber wirklich freundlich auf, denn er erwiderte ihr Lächeln genauso erfreut wie sie. Die darauffolgende Begrüßung wiederum hatte er nicht wirklich erwartet und eigentlich begrüßten ihn seine Schüler auch nicht derart überschwänglich, aber da er Charleen äußerst schüchtern in Erinnerung hatte, nahm er es angenehm überrascht zur Kenntnis, dass sie etwas mehr aus sich herausging. Kurz legte er ihr sogar die Hand auf den Rücken.
"Freut mich auch, Charly. Wie geht es dir?"
Der Tadel blieb noch immer aus und schließlich sah auch er zu Jean zurück.
„Guten Morgen Charleen, sieht aus als ginge es dir wieder gut“, Jean schmunzelte. Diese überschwängliche Freude hätte sie reizen können, aber dazu gab es keinen Grund. „Was machst du hier unten, hm?“
Scott schien sich gerne in Schweigen zu hüllen, oder aber er wollte sie überraschen. Vielleicht brachte es sie weiter, wenn sie Charleen stattdessen einfach fragen würde. Ihr Blick bewegte sich wieder umher und landete an der Wand, an der das Mädchen gerade eben noch versucht hatte, sich zu verstecken.
In ihr legte sich die Aufregung, denn alles hatte einen Grund und selbst ein Erwachsener konnte nicht leugnen von Zeit zu Zeit einmal Angst zu bekommen, wenn etwas unvorhergesehenes geschah? Langsam trat sie in den Raum und weiter zu der Wand. Mit der leeren Kaffeetasse in der Hand hatte sie etwas von einem Sherlock Holmes mit Seifenblasenpfeife.
Was glaubst du hier unten zu finden?
Dieser Gedanke drang direkt zu Scott und nur der seltsame Klang ihrer Stimme war ein Indiz dafür, dass sie mit ihm in Gedanken sprach.
Charleen wüde nicht lügen, sie lügte nie aber Jean mochte es dann bitte akzeptieren wenn es ein paar Dinge gab, die noch nicht mal die Lehrer etwas angingen. Sie mochte Jean ja wirklich gern, hatte sie schon immer gern gehabt, aber bei allem was Jean lieb war sie sollte es bloss sein lassen in Charleens Kopf herum zu wurschteln, dass war etwas was sie gar nicht leiden konnte.
"Ich habe nach etwas gesucht." Erklärte sie ehrlich, setzte im gleichen Atemzug hinzu "Ich habe es allerdings nicht gefunden." und damit war das Thema für Charleen an dieser Stelle beendet, zumal Charleen stur sein konnte wie 10 Mulis. Mehr würde sie nicht sagen.
"Vielleicht sollten wir wieder nach oben gehen? Haben sie schon gefrühstückt?" fragte sie Scott und Jean.
Sie würde später nochmal in den Keller steigen und dann wäre sie ganz bestimmt nicht so unaufmerksam.
Sie hatte sich wirklich verändert, sehr viel von Rohey, mehr von Michel, aber ihre eigene Persönlichkeit hatte sie immer noch nicht gefunden.
Blieb die Frage, wie lange sie schon danach suchte. Auch sein Blick glitt über das Gemäuer und er hatte das Gefühl, dass sie an der falschen Stelle gesucht hatte. Aber eigentlich wollte auch er nicht, dass sie jetzt alle nach etwas suchten, von dem er nicht genau wusste, was es eigentlich war. Dennoch war er nicht so naiv anzunehmen, dass Charleen nicht wieder einmal hierher kommen würde. Das konnte er ihr ja nahezu ansehen.
Ich glaube, dass es hier in diesem Keller noch Räume gibt, die sehr alt sind.
Und der ein oder andere Raum barg gewiss einige Überraschungen. Im 18. Jh. waren hier einige grausigen Dinge passiert, die Spuren hinterlassen hatten - auch heute noch. Jeder, der ein wenig nachgeforscht hatte, hätte dies herausfinden können und Scott wollte nunmal zumeist alles genau wissen. Nein, er wollte keine Leichen finden, sondern etwas, das von einigem Wert war. Aber bevor hier noch mehr Schatzsucher auf den Plan gerufen wurden, wandte er sich letztlich einfach wieder der Tür zu. Dieses Geisterphänomen war und blieb jedenfalls eigenartig.
"Nein, Charleen. Wir haben noch nicht gefrühstückt. Vielleicht möchtest du uns ja Gesellschaft leisten. Jean fragte, ob es dir wieder gut gehe. Warst du krank?"
Mit diesen Worten machte er sich wieder auf den Weg nach oben. Die Sache war noch lange nicht abgeschlossen. Er hatte so das Gefühl, dass es eben erst anfing. Und vielleicht sollte er Ororo davon in Kenntnis setzen, denn allzu lange würde er nicht mehr in Schottland sein.