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Den Kopf gesenkt und anscheinend die Schritte ihrer bloßen Füße beobachtend, geht Chui durch die Landschaft. Sie sieht nicht den langen Schatten, den sie in der untergehenden Sonne wirft und eigentlich auch nicht den Boden, auf dem sie geht. Sie denkt nach und verschwendet nicht einmal einen Gedanken daran, dass sie wie von Bewegungssensoren gelenkt jedes Hindernis geistesabwesend umgeht. Irgendwie war sie den ganzen Tag seit der großen Versammlung wie gelähmt.. noch nichtmal den Umzug zu Trisha hat sie angefangen (oder durchgeführt, es ist ja nichteinmal eine Sache einer halben Stunde). Es gibt sovieles, um darüber nachzudenken. Der Besuch bei Rohey, auf den sie sich auch nach der Bekanntgabe dieser Laborsache und der befreiten Kinder sehr gefreut hat, fiel ins Wasser. Rohey kommt nämlich heute Abend schon wieder nachhause... natürlich ist das gut, trotzdem findet sie es schade. Und nicht nur, weil es eine erneute Zeit des Zusammenseins mit Colum gewesen wäre.
Colum... woran ist sie jetzt mit ihm? Was soll sie tun? Jede Stunde eines jeden Tages ist eine Minute unter Wasser, und Colum ist die Luft an der Oberfläche, die sie zum Überleben braucht und der sie mit dem fortschreitenden Ticken der imaginären Stoppuhr immer verzweifelter entgegenschwimmt. Sie weiß auf einer rationalen Ebene, dass es verboten ist, dass sie sich lieben, weil sie zu jung ist. Viel stärker, mit absoluter und allgewaltiger Mehrheit im Parlament ihrer Seele ist die 'Emotionale Partei für möglichst enge Beziehung zwischen Colum und Chui', die von Verboten nichts wissen will und alle Gegenargumente der mickrigen Minderheit mitsamt dieser Minderheit über Bord wirft. Wie soll sie das denn auch abstellen? Sie kann es nicht. Die Frage ist nur... geht es ihm wie ihr? Nicht dass sie daran zweifelt, dass er sie auch mag... liebt. Aber vielleicht ein wenig... lockerer? Oder vernünftiger? So dass er jetzt vielleicht sogar - entsetzliche Vorstellung - lieber erstmal warten will, bis sie 18 ist bevor er wieder mit ihr spricht, Zeit mit ihr verbringt.... wieder küßt? Sie muß ihm klarmachen, dass sie das nicht durchhält. Auf keinen Fall.
Ja... und dann ist da noch dieser Einbruch. Von ihren Lehrern, also, einigen von ihnen.. in ein Labor... wo sie gefangene Mutanten befreit haben, die da illegal festgehalten wurden, zu wer weiß was für welchen Zwecken. Das weiß aber die Öffentlichkeit nicht, für sie war das ein Verbrechen. Hoffentlich finden sie nie das Institut. Hoffentlich sind sie hier sicher. Hoffentlich geht es den Kindern gut... den Befreiten. Sie würde gerne mithelfen, wenn sie irgendwas tun könnte. Aber vielleicht kommen die Befreiten ja auch bald ins Institut... viele neue Gesichter, Namen, Stimmen und Gerüche. Chui ist nach Calans Weggang die Schülerin, die am längsten von allen schon hier wohnt. Irgendwie hat etwas in ihr entschieden, dass ihr das eine gewisse Verantwortung gibt... auch wenn sie sich immer noch manchmal einfach am liebsten verkriechen würde, wo sie keiner sieht. Wie konnte das nur passieren? Dennoch will sie nichts davon missen. Es ist, als wäre sie plötzlich auf der Überholspur unterwegs, nachdem sie jahrelang auf dem Standstreifen vor sich hingedümpelt hat. Hin und wieder macht ihr die ungewohnte Geschwindigkeit Angst, aber unterschwellig ist sie selbst dann davon begeistert.
Als sie anhält und aufschaut, stellt sie fest dass ihre Füße sie vom Institut aus in eine bestimmte Richtung getragen haben... diejenige, aus der das Geräusch kam, gestern Nacht. Von einer Turbine oder einem Motor... oder irgendsowas Ähnlichem. Naja, nachdem sie jetzt weiß, dass die Lehrer des Nachts in ein Genetiklabor aufgebrochen sind, liegt nahe dass sie dafür irgendeine Art Fahrzeug gehabt haben. Es könnte ja das gewesen sein, was sie gehört hat. Manchmal ist ihr im Bewußtsein von Geheimnissen, als würden ihre Fingerspitzen kribbeln und imaginäre Schnurrhaare zittern. Wenn eines sie so betrifft wie dieser Ausflug der Lehrerschaft, dann sowieso. Sie könnte ja nachschauen... ein wenig suchen... sie tut ja nichts, sie schaut nur. Und so geht sie weiter, mit neuer Aufmerksamkeit, Augen die zwar nicht wissen wonach sie suchen, aber eifrig dabei sind, Ohren die auf ungewöhnliche Geräusche horchen und einer Nase, welche interessante Gerüche aus der Luft filtert. Kerosinspuren und Rauch hatten 24 Stunden Zeit um zu verfliegen, aber ob das genügen wird? Und wenn ja, was mag es noch alles geben das es wert wäre, verfolgt zu werden?
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