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Dorian hatte nun alles mithilfe Liam in die Wege geleitet. Zuerst einmal brauchte Seana überhaupt eine Geburtsurkunde... man hatte die Adoption wieder verworfen. Dafür hatte man auf dem Geburtsschein aber eine Mutter gebraucht, was dann doch ein wenig zu Problemen geführt hatte, aber letzten Endes stand nun auch dort ein Name. Wie dieser Name lautete, war unwichtig... jedenfalls heute. Fakt war, dass Dorian nun als Vater eingetragen war und das musste er Seana heute irgendwie erklären.
Es war schon seltsam, dass er einmal wieder im ersten Stockwerk anzutreffen war, denn die letzten Tage war er zumeist in den Subs gewesen und nur sehr selten in seinem Zimmer im oberen Stock. Natürlich hatte er abgewartet, bis der Unterricht vorüber war, so dass er Seana vielleicht in ihrem Zimmer antreffen würde, wenn sie nicht gerade in der Bibliothek oder noch immer beim Mittagessen war.
Er klopfte einfach an und wartete.
Das, was er ihr zu sagen hatte, sollte er auf jeden Fall an einem Ort erklären, wo sie sich in Ruhe unterhalten konnten. Dorian konnte nicht abstreiten, dass er jetzt ein klein wenig aufgeregt war. Er wusste ja nicht, wie das Mädchen reagieren würde.
Herbst, eine Jahreszeit. Rote Blätter, kühles Wetter und alles war völlig neu für sie. Der Blick aus dem Fenster war atemberaubend, aber für sie war alles dort draußen unbekannt und interessant. Sie saß auf dem breiten Fensterbrett, die Beine angezogen und aus dem Flieszweiteiler schauten ihre dunkelgrauen Socken hervor. Blobb in den Armen lehnte sie am offenen Fensterrahmen und sah hinaus, so dass der Wind ihr durch das Haar strich und ihr um die Nase wehte.
War da etwas?
Sie glaubte ein Geräusch gehört zu haben und wandte langsam den Kopf in Richtung Tür. Doch da war nichts. Nicht oft, eigentlich nie hatte jemand an ihre Tür geklopft und nun? Sie wollten den Blick schon wieder hinaus wenden, als sie dieses untrügliche Gefühl hatte, dass dort doch jemand war. Woher kam dieses Gefühl und wieso konnte sie es nicht ignorieren?
Ihre Füße in den dunkelgrauen Socken rutschten von der Fensterbank und verkrochen sich in die Filzpantoffeln, in denen sie über den Teppich schlurfte, ihre Hand auf die Türklinge legte und sie herunter drückte.
Das Klacken hallte durch den Flur, als sie die Tür aufschob und ihren Blick auf einen Pullover richtete. Es dauerte einen Moment bis sie sich daran erinnerte, dass wohl jemand in dem Pullover stecken musste und den Blick hinauf hob, wo wahrscheinlich ein Gesicht war. Und tatsächlich, es war Dorian. Sie hatte ihn so lange nicht gesehen, dass sie beinahe vergessen hatte, wie er aussah.
Die Tür schob sich langsam weiter auf, als sie ein Stück weiter auf den Flur trat, ihre Arme an seinen Seiten hindurchschob und ihre Hände auf seinen Rücken legte. Ihre Gesicht schmiegte sich an den warmen Pullover und sog seinen Duft ein.
Schneller, als man es von ihr erwartet hätte, zog sie sich wieder zurück, ließ die Arme sinken und sah zu ihm hinauf. Wo war er so lange? Wieso sieht er so besorgt aus? Er sah sogar besser aus, als er ihr von New York erzählt hatte. Sie schloss die Augen und zeigte ihm ein Lächeln, dass niemand sonst zu sehen bekam.
Dorian strich Seana über den Kopf, als sie sich an ihn drückte. Trotz ihres Alters wirkte sie immer noch so kindlich, was wohl der Aufenthalt im Labor bewirkt hatte. Der ganze Entwicklungs- und Verstehensprozess war bei Seana ein wenig verzögert… vielleicht auch einfach verdrängt. Dorian schätzte diese Verzögerung auf zwei bis drei Jahre, doch wenn sie weiterhin so lernte und sich in die Klasse einbrachte, konnten diese Defizite aufgefangen werden, denn Seana war bei weitem nicht dumm. Als sie dann wieder zurück trat und lächelte, musste er dieses Lächeln unwillkürlich erwidern. Kurz strich er ihr über die Nase und ging dann in die Hocke, um sie besser ansehen zu können.
„Darf ich reinkommen, Seana?“
Noch immer sprach Dorian ihren Namen gälisch aus und nicht englisch. Eigentlich sprach er selbst kein Gälisch, aber die Klangmelodie dieser Variante gefiel ihm einfach besser. Schließlich erhob er sich wieder und trat zu ihr ins Zimmer. Es musste ja nicht gleich jeder wissen, was er ihr zu sagen hatte, so dass er die Tür hinter sich schloss und sich einen Moment in ihrem Zimmer umsah. Hatte sie sich noch immer nicht häuslicher eingerichtet? Vielleicht wusste sie gar nicht, was das bedeutete. Ein wenig kahl wirkte das Zimmer schon noch, aber wenn er Logan oder Scott Summers fragte, ob er dem Zimmer ein wenig farblichen Anstrich geben konnte, würden sie gewiss nichts dagegen haben.
„Wie geht es dir, hm? Ich weiß, ich war die letzten Tage nicht oft da. Ich war ziemlich beschäftigt… hast du mich vermisst? Wie geht es dir denn mit der Schule? Kommst du mit oder hast du Schwierigkeiten?“
Tja, daran musste sie sich bei Dorian einfach gewöhnen. Wenn er mal damit anfing, dann fragte er gleich 100 Dinge. Schließlich strich er ihr noch einmal über den Kopf und setzte sich auf die Kante ihres Bettes. Schlief sie immer noch so schlecht? Dorian erinnerte sich wieder an ihre Akte aus dem Labor… und an ihre Mutation. Eigentlich war es unter diesen Umständen nicht ungewöhnlich, wenn Seana in der Nacht herumgeisterte. Es stimmte allerdings nicht, dass das Mädchen gar keinen Schlaf brauchte – sie brauchte lediglich weniger und sie schlief auch anders. Einen Moment betrachtete er sie stumm, ehe er sie langsam herwinkte.
„Erzähle mir mal, was du über den Begriff ‚Eltern’ weißt, Seana.“
Sie ließ ihn mit einem leichten Nicken eintreten, ging zum Fenster herüber und schloss die Läden. Als sie sich wieder umwandte saß Blobb auf der Fensterbank und sah hinaus. Dorians Art sie mit Fragen zu bombardieren hatte sich nicht geändert, dahingegen aber ihre Auffassungsgabe etwas beschleunigt, schon weil es sich im Unterricht als sehr hilfreich erwies.
Durch den Raum schlurfend ging sie zu ihm und setzt sich auf den Stuhl, der vor dem Tisch, der als Schreibtisch diente, stand und sah zu ihm herüber. Sie trennten nur etwa ein Meter und Seana überlegte einen Moment über ihre Antworten. Dass er beschäftigt war, hatte sie sich beinahe gedacht, denn etwas Böswilliges über Menschen zu denken, fiel ihr im Traum nicht ein.
„Mir geht es gut, die Schule ist OK“, meinte sie mit baumelnden Beinen und das war so ziemlich das erste Mal, dass sie diesen Ort als etwas positives einschätzte. In der Ecke stand eine Leinwand mit Bleistiftzeichnungen und ersten Grundierungen, aber weiter war sie mit dem neuen Kunstprojekt noch nicht. Im Moment konnte man noch nicht sehen, was sie da zeichnete, aber am Ende würde es ein Bild werden, auf dem zwei Gestalten joggten und eine dunkle Gestalt sie aus dem Hinterhalt betrachtete. Ja, Seana zeichnete die Dinge, die sie sah, auch wenn es Einblicke in anderer Leute Ängste waren.
Seine letzte Frage allerdings, ließ sie inne halten. Was Eltern waren? „Also Cathrina sagt, dass ihre Eltern sich sicher sehr viele Sorgen machen. Also sind es Menschen, die sich Sorgen machen und sie sind nicht hier, sondern immer woanders. Ich glaube, dass viele Kinder hier Eltern haben. Na ja... nicht viele reden über sie. Manche haben vielleicht sogar Angst vor ihnen, oder so.“ Sie strich sich durch das Haar, dass in unregelmäßigen Spitzen zurück in ihre Stirn fiel. Die meisterhafte Arbeit eines Laien.
Dorians Blick schweifte über die Grundierungen ihrer Zeichnungen und er stellte fest, dass er schon eine ganze Weile nicht mehr oben im Institut gewesen war. Hatte er sich so sehr in den Subs eingegraben? Stumm hörte er ihr zu und musste ein klein wenig über ihr etwas eigenwillig geschnittenes Haar schmunzeln. Aber immerhin hing es ihr nicht mehr in die Augen.
„Eltern sind Menschen, die sich um ein Kind kümmern, solange es das noch nicht selbst tun kann. Manche Entscheidungen dürfen eben nur Erwachsene treffen und darum brauchen Kinder Eltern. Oftmals sind das Mutter und Vater, manchmal aber auch nur Mutter oder nur Vater. Und zumeist hat dich die Mutter auch geboren und der Vater gezeugt, wenngleich das nicht Grundvoraussetzung ist. Die Familie ist die Basis oder auch das emotionalste bzw. stärkste Bindungsgeflecht in der sozialen Gesellschaft. Es besteht eigentlich ein Leben lang.“
Kam sie soweit noch mit? Das klang ja wie auswendig gelernt… hatte er das womöglich auswendig gelernt? Seine Ausführungen klangen ja schrecklich, aber das tat er immer, wenn er etwas Zwischenmenschliches bewältigen musste; er wurde zum Wissenschaftler. Er erhob sich wieder und ging ein paar Schritte durchs Zimmer. Na schön, er würde es noch einmal versuchen, ja? Vielleicht war der zweite Versuch besser.
„Seana, die Eltern sind sehr wichtig… vollkommen egal, wie alt man ist. Denn eine Familie kann Rückhalt sein, ein Ort, an dem man immer willkommen ist – zumeist jedenfalls. Gute Eltern sind Menschen, die ihre Kinder lieben und ihnen helfen, erwachsen zu werden. Aber auch darüber hinaus sind sie für ihre Kinder da.“
Er sollte mal so langsam den Bogen bekommen, oder? Dorian kam wieder zurück, wenngleich er sich nun gegen die Wand neben ihrem Schreibtisch lehnte und sie ansah. Alle anderen Schüler hier hatten Eltern, selbst die Laborkinder. Seana war das einzige Reagenzglaskind von Genethics, denn derartige Kinder wurden nie sonderlich alt – die meisten waren mit nicht einmal einem Jahr gestorben, denn aufgrund ihrer manipulierten Gene waren sie sehr anfällig für Krankheiten.
„Ich wäre ab heute gern dein Vater, wenn du mich lässt.“
Also… er hatte ja irgendwie überleiten wollen, aber letztlich war das ganze Gerede nur ein Gerede um den heißen Brei herum und wenn er es genau bedachte, dann wüsste Seana anfangs bestimmt nicht, was sie nun mit seinen Worten anzufangen hatte. Oder doch?
Seana baumelte etwas mit den Beinen, sie baumelte, als er auf ihrem Bett mit der Rede anfing, baumelte immer noch, als er aufstand und im Zimmer umherging und auch dann noch, als er neben ihrem Schreibtisch an die Wand gelehnt, die letzten Worte aussprach, von denen sie beinahe alles verstand, aber nicht wirklich etwas damit anfangen konnte.
Dorian schien stark nachzudenken und mit sich selbst zu diskutieren, so wie sie es manchmal von den Lehrern im Unterricht sah, wenn einer der Schüler einen komischen Kommentar oder aber eine ungewöhnliche Frage gestellt hatte. Am meisten kam das bei Karl vor, der eine seltsame Art hatte zu reden.
Er wäre ab heute gerne ihr Vater? War das eine Frage? Sollte sie etwas entscheiden? Ihre Augen weiteten sich und dabei im ersten Moment nur, weil sie nicht recht wusste, was er von ihr erwartete. Sollte sie jetzt ja oder nein sagen? Oder war es nur eine Frage, die sie nicht zu entscheiden hatte. Mit denen konnte sie nicht umgehen, auch wenn sie ab und zu davon im Unterricht hörte. Rhetorische Fragen wurden sie genannt.
Ihr Mund öffnete sie etwas, ging dann aber wieder zu, ohne dass sie etwas gesagt hatte. OK, zweiter Versuch. Er öffnete sich wieder. „Eh, wenn du das willst?“ Die Sache war wie Bungeejumping, nur dass sie nicht wusste, was es damit genau auf sich hatte. Sie kratzte sich mit einem Finger an der Wange, ein Zeichen für Ratlosigkeit und dann erst kam ihr eine Idee?
Seana sprang von ihrem Stuhl, lief den Schritt auf ihn zu, es hätte ein Rennen werden können, wäre die Distanz größer gewesen und griff den Zipfel seines Pullovers. „Heißt das, du bist jetzt wieder öfters mit mir zusammen? So richtig mit Spielen und Reden? Viel Zeit miteinander verbringen?“ Wenn es das war, was Eltern bedeuteten, dann würde sie sich tierisch darauf freuen.
Ach… Dorian musste noch sehr sehr viel lernen, wenn er sich von nun an Vater schimpfen wollte. Natürlich; Spielen und Reden. Praktische Beispiele, keine Theorie, Dorian! Schon bei seiner ersten Hürde war er grandios gescheitert, aber er hatte so eine leise Ahnung, dass sie sich irgendwie gegenseitig helfen konnten. Trotz allem war sie irgendwie doch darauf gekommen, was er ihr eigentlich damit sagen wollte, was nur für ihren Intellekt sprach.
„Ja, ich würde schon wollen. Aber nur, wenn du auch willst.“
Er stupste ihr erneut an die Nase, ehe er ihr die Hand auf den Kopf legte, als sie zu ihm aufsah. Nein, seine Frage war keine rhetorische gewesen, auch wenn sie sich vielleicht so angehört hatte, aber er hatte tatsächlich auf eine Reaktion gewartet. Warum tat er sich eigentlich so schwer mit zwischenmenschlichen Kontakten? Als Arzt hatte er doch auch keine Hemmungen. Aber da wusste er, dass die Leute, die zu ihm kamen, nur seine Hilfe oder seinen Rat als Arzt brauchten und dann wieder gingen. Seana würde noch eine ganze Weile in seiner Nähe sein und vielleicht hatte er ja ein wenig Angst, den Anforderungen dabei nicht gerecht zu werden. Er stieg da ja nicht von Anfang an ein, er war sozusagen ein Quereinsteiger.
„Genau das soll es heißen. Wir können reden und spielen und eben einfach ein wenig Zeit miteinander verbringen.“
Sie drückte ihren braunen Wuschelkopf gegen seinen Bauch und fühlte den weichen Stoff seines Pullovers an der Wange. Das Versprechen, dass er ab nun mehr Zeit mit ihr verbringen würde, nahm sie ihm nur allzu gern ab. Doch dann fiel ihr etwas ein und sie löste ihr Gesicht und sah zu ihm hinauf, noch immer die kleinen Hände, als Fäustchen in seinen Pullover gekrallt.
„Wirst du mein Papa oder meine Mama?“
Bildungslücke, wie es scheint oder aber es gab da eine Sache, die sie übersehen hatte. Dann auf einmal runzelte sich ihre Stirn etwas mehr und sie löste ihre Hände aus seinem Pullover, wo einige Falten zurück blieben. „Kann man das einfach so festlegen?“ Irgendwie kam ihr das Spanisch vor, schließlich erweckten ihre Mitschüler nicht den Eindruck, als hätten sie sich ihre Eltern selbst ausgesucht. Manchmal redeten sie schon etwas böse über sie.
Seana kratzte sich am Kopf und verwuschelte ihr Haar etwas. Sie ging einige Schritte durch den Raum und setzt sich dann schwungvoll aufs Bett, ihn wieder ansehend.
Er strich ihr über den Kopf und musste ein wenig grinsen, als ihre Frage kam. Schließlich ging er in die Hocke, damit sie nicht immer aufsehen musste und meinte:
"Ich habe doch gesagt, dass ich dein Vater sein möchte. Aber selbst wenn, Seana... ich könnte gar nicht deine Mutter sein. Nur Frauen sind Mütter, Männer sind Väter."
Soweit alles klar? Ihm kam zwar ein Gedanke, der das Ganze ein wenig relativierte, aber das würde sie ohnehin nur verwirren, so dass er ihr lediglich sanft in die Wange kniff. Es war eine gute Frage, ob man das einfach so festlegen konnte. Natürlich konnte man das nicht - das Leben war nun mal verreglementiert. Dorian folgte ihr mit dem Blick, als sie wieder hinüber zum Bett ging und sich hinsetzte. Er selbst richtete sich wieder auf.
"Nein, kann man nicht. Aber da du aus dem Labor bist, hattest du keine Geburtsurkunde, die Kindern bei der Geburt normalerweise ausgestellt wird. Damit werden sie einer Nation zugeordnet und dort ist auch vermerkt, wer ihre Eltern sind. Liam hat mir geholfen, dir so eine Urkunde zu erstellen. Natürlich wissen wir nicht, wer deine genetischen Eltern sind, darum bin ich nun auf dieser Urkunde als dein Vater eingetragen."
Labor, da war dieses Wort, dass sie mit so vielen Dingen assoziierte, aber im selben Atemzug verpasste es ihr einen Stich. Unmerklich zog sie etwas den Kopf ein, nur ein kleines bisschen, aber wenn man sie nicht dabei beobachtet hatte, bemerkte man mit einem Mal eine etwas eingeschüchterte Aura um sie herum. Dabei hatte sie sich äußerlich nur unscheinbar verändert.
„Mein Vater“, murmelte sie und wandte den Blick aus dem Augenwinkel wieder zu Dorian hin. Sollte sie ihn... nein, sie würde bei Dorian bleiben, bis sie wusste, was ein Vater war. Sie hatte von Königen und deren Töchtern gelesen. Armen Männern und deren Kinder. Und andere geschichtliche Fakten, in denen es immer auch Kinder gab. Aber nichts gab auch nur einen geringen Hinweis darauf, was dieses Verhältnis eigentlich ausmachte.
Seana baumelte etwas mit den Beinen und faltete ihre Hände im Schoß. „Toll, eine Urkunde“, murmelte sie vor sich hin und sah dabei auf die Falten ihrer Socken an den Zehen. Es wirkte nicht begeistert oder frustriert. Eher, als würde sie mit sich selbst versuchen, sich darüber im klaren zu werden, was das alles bedeutete.
Dann stoppten ihre Füße in der Luft. „Sag mal Dorian... habe ich Eltern, von denen ich geboren wurde?“
Er bemerkte natürlich, dass sie mit diesem Wort Labor keine sonderlich guten Erinnerungen verband, so dass er sich schließlich neben sie auf das Bett setzte und einen Arm um ihre Schultern legte. Sie würde schon noch irgendwann lernen, was einen Vater ausmachte... genauso wie er selbst.
"Wer hat dir eigentlich die Haare geschmitten, hm?"
Das, was er ihr erzählt hatte, musste sie ja nicht zwangsläufig alles verstehen. Für sie war im Moment eigentlich nur wichtig, dass die ganze Sache schon geregelt war. Und wahrscheinlich hatten auch nur wenig Kinder ihre eigene Geburtsurkunde ständig in der Hand. Das waren nur formale Dinge, in Wahrheit ging es ja um etwas anderes. Seana brauchte allgemein einmal eine Identität, denn seither hatte sie schlichtweg gar nicht existiert. Ihre Frage ließ ihn tief durchatmen und er wusste nicht so genau, wie er es ihr sagen sollte... vielleicht war es auch noch zu früh dafür.
"Nun... nein", meinte er schließlich ehrlich.
"Aber darüber sollten wir ein andermal sprechen, ja?"
Eine ihrer Hände strich den Pony etwas beiseite, als sie ihren Blick wieder zu seinen Augen hob und etwas lächelte. „Ich... hab nen Foto von nem Model gehabt“, meinte sie knapp und schien sehr zufrieden mit ihrer Umsetzung des Bildes. Auch wenn der Schnitt etwas eigentümlich war, er hielt ihre Augen frei.
Seine Pause ließ sie verwundert die Brauen heben und dann verneinte er schlicht. Die Versprechung, dass sie später darüber reden würden, läutete das nahe Ende des Gespräches ein, dass sie erst nach einem kurzen Moment des Schweigens erkannte und dann wieder nickte.
Etwas irritiert fuhr sie sich über den Nacken, eine Geste, die sie von anderen gesehen hatte, wenn sie im Unterricht nicht gleich etwas zu antworten wussten. Man bemerkte mit etwas Beobachtungsgabe, dass sie die Lücken an Erfahrungen schnell füllen lernte, auch wenn es ein passiver Vorgang war. Mit den Wochen erhielt sie etwas an Leben, nur ihre Augen behielten den trüben Ausdruck, der von ihrer nicht vorhandenen Kindheit stammte.
„Ich...“, fing sie an. „Mir ist eben etwas eingefallen, dass ich noch machen wollte“, beendete sie ihren Satz und warf einen Blick zu ihrer Leinwand. „Wir sehen uns dann später?“ Ihre Hand berührte kurz seinen Pullover, bevor sie sich vom Bett erhob und zu ihren Malsachen ging und vertieft darin herum kramte.
Das Gespräch hatte sie verwirrt und einige ihrer Fragen beantwortet, von denen sie gar nicht recht gewusste hatte, dass sie solche Dinge wissen wollte.
Sie hatte sich die Haare also allein geschnitten. Er musste grinsen und neigte den Kopf schließlich ein wenig zur Seite, um sie zu mustern.
"Ja... sieht auch wirklich sehr... modisch aus."
Durchaus wollte er dieses Gespräch jetzt noch nicht fortführen, aber es würde eines Tages geführt werden, dass hatte er damit ja schon angedeutet. Wieder einmal strich er ihr über die Haare und nickte schließlich, als sie ihn fragte, ob sie sich später wieder sehen würden. Ja, er würde darauf achten, dass er nicht mehr zu lange in den Subs war. Schließlich erhob auch er sich.
"Ich werde spätestens in 2 Stunden wieder zurück sein. Zeigst du mir dann das Bild, wenn es fertig ist?"
Vielleicht würde sich der trübe Glanz ihrer Augen eines Tages verflüchtigen. Dorians Iris war stets in Bewegung, aber wär sie es nicht... wer weiß, vielleicht würde man das Trübe darin ebenfalls bemerken. Er lächelte, ehe er zur Tür ging und sie in Ruhe malen ließ.