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[spät abends]
Scott war eigentlich selten im Keller gewesen, seit er hier war. Lediglich am Anfang war er mal mit Jean durch die Kellerräume gegangen und danach kein einziges Mal mehr. Seltsam, warum dachte er ausgerechnet jetzt daran? Aber da war es wieder, dieses seltsame Summen in seinem Kopf, das langsam zu einem Dröhnen anschwoll, je weiter er dem Gang entlang folgte. Vorbei an den Werkräumen, vorbei an den Vorratskammern und bis zum Ende des Flurs, wo die letzte Tür noch immer offen stand. Der Kopfschmerz erinnerte ihn ein wenig an früher, als sich seine Mutation zum ersten Mal bemerkbar gemacht hatte. Natürlich wollte er sich das selbst einmal ansehen, nachdem er von den anderen erfahren hatte, was dort im Keller war. Ein Siegel, mannshoch und niemand konnte über seine Funktion Auskunft geben. Ob das der Grund dieser seltsamen Ereignisse war? Er blieb vor der offenen Tür stehen und blickte in die verborgene Brennerei mit den Whiskyfässern, die sich dort stapelten. Ein seltsamer Lufthauch streifte seine Wange und er wandte den Kopf zur Seite, als er im Augenwinkel einen Schatten ausmachte. Aber er war fort, bevor er genauer hinsehen konnte.
Scott zögerte so gut wie nie, doch diesmal schritt er mit leichtem Unbehagen über die Schwelle. Er fand die Taschenlampen, die dort noch in einem Regal lagen, aber er nahm keine davon mit. Vielleicht würde er sich irgendwann einmal fragen, warum er es nicht getan hatte, aber in diesem Moment ging er einfach durch die Reihen der gestapelten Fässer und auf die niedere Tür zu. Wieder flackerte die Glühbirne, ehe der Glühdraht mit einem leisen Zischen durchbrannte und der Gewölbekeller düster wurde. Scott blieb stehen, bevor er die zweite Tür erreicht hatte. Der Kopfschmerz war nun stetig und brummend. Vielleicht sollte er doch noch einmal zurück und eine der Taschenlampen holen? Aber er sah sich nicht mehr um, stattdessen tasteten sich seine Finger das Regal entlang, das der Priester zuvor weggerückt hatte, um die Tür freizulegen. Und dann stand er bereits auf der ersten Stufe, die in den zweiten Saal hinab führte. Woher er wusste, dass es dort eine Treppe gab? Das wusste er nicht. Das Brummen hatte sich in ein leises Flüstern verwandelt und Scott schien es sogar, als würde ihn jemand rufen. Eigentlich war es stockfinster in diesem Teil des Kellers, aber er erkannte das tellerrunde Siegel dennoch vollkommen deutlich an der Wand schimmern. Das Seltsamste an allem war, dass er es nicht rot schimmern sah. Es schimmerte golden.
Er sah nicht mehr zurück, nachdem er die steinernen Stufen hinab gestiegen war und auf das Siegel zuhielt. Er sah nie zurück, wenn es darum ging, zurück zu kehren. Scott versuchte die Augen zu schließen, aber es gelang ihm nicht. Sein Blick war stetig auf das Siegel gerichtet, das vor seinen Augen zu verschwimmen schien. Wenn das Brummen in seinem Kopf zuvor noch nicht sonderlich schmerzhaft gewesen war, so wurde es das nun. Vielleicht hatte er nie nachvollziehen können, wie es war von einem Blitz getroffen zu werden wie Raguel. Aber in diesem Moment war es ihm, als traf ihn ein ganzer Blitzregen und sein Kopf würde dabei gespalten. Er wollte Luft holen, aber es gelang ihm nicht. Die Tür hinter ihm fiel krachend ins Schloss und es gab für eine kurze Zeit keine Luft mehr in diesem Raum. So als hätte sie jemand schlichtweg eingesogen wie der Abfluss eines Wasserbasseins. Aus seiner Kehle drang ein schmerzverzerrter Schrei, der in ein Grollen anschwoll und mit einem heiseren Knurren endete, als die Gläser seiner Rubinquarzbrille in tausend Stücke zersprangen. Aber niemand würde seine Stimme in diesem Keller hören. Er konnte die Augen nicht schließen. Sie waren weit aufgerissen, während er das Siegel anstarrte.
Für einen Moment war der Gewölbekeller in goldenrotes Licht getaucht, während Scotts Kraftstahl mit voller Wucht direkt auf das Siegel hielt ohne dass er es hätte verhindern können. Sie bildeten eine Brücke von einem Tor zum anderen, aber wie sollte Scott es wissen? Eine Träne rann ihm über die Wange, denn er erinnerte sich in den kurzen Momenten, die ihm noch blieben, an die Unterhaltung mit Jean im Garten. Er wäre nicht einfach so gegangen. Ob sie ihm das glaubte? Er konnte sich nicht bewegen, es war, als wäre er zu Eis erstarrt und eine eisige Kälte ergriff von ihm Besitz. Lediglich seine Hände begannen zu zittern, als sich das Siegel öffnete. Die Rubinquarzsplitter glitzerten feurig im gleißenden Licht und wurden davon an- und eingezogen. Das Letzte, das er noch spürte, war das seltsame Metall, das sich anfühlte, als würde es atmen, dann erstarb sowohl das rote als auch das goldene Licht und das Siegel schloss sich mit einem leisen Summen. Es wurde wieder finster in diesem eigenartigen Gewölbekeller und die Tür, die zuvor noch ins Schloss gefallen war, klackte mit einem leisen Geräusch wieder auf. Nichts gab noch Hinweise darauf, dass Scott Summers je in diesem Raum gewesen war. Und sein letzter Gedanke, der Jean erreichte, war alles, das von ihm zurück blieb. Oder…?
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