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“Mister Sartre, ich bedaure sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Vater und dessen Ehefrau gestern am späten Abend bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind. Ihr Bruder hat überlebt, allerdings liegt er im Koma.“
Dave starrte auf den ersten Blick sehr konzentriert aus dem Fenster seines Abteils, doch er sah die schneebedeckte Landschaft, die mit rasender Geschwindigkeit vorüber flog, längst nicht mehr. Erst wenn man genauer hinsah, bemerkte man, dass er geradeaus ins Nichts sah. Seine Augen hatten keinen Punkt fixiert, sie starrten apathisch ins Leere. Die Fahrt dauerte nun schon fast zwei Stunden, doch in dieser Zeit, seit er sich hingesetzt hatte, hatte er sich lediglich einmal vom Fleck gerührt, und zwar als der Schaffner gekommen war und seine Fahrkarte kontrolliert hatte, als sie etwa eine halbe Stunde aus Inverness draußen gewesen waren.
Es war nicht sein Vater, wegen dem Dave solche Wut, solchen Schmerz, solche Verzweiflung fühlte. Sein Vater, der streng genommen Schuld an seiner „Missgeburt von Sohn“ war, hatte seine Mutter keine zwei Tage, nachdem er geboren worden war, verlassen, und sich achtzehn Jahre lang nicht darum geschert, in Erfahrung zu bringen, wie es seinem Sohn ging. Genausowenig hatte er sich vor drei Jahren für Marchélines Tod interessiert. Er war nicht einmal zu ihrer Beerdigung gekommen. Bernhard Felth hatte seiner Meinung nach keine Frau, die ihm ein missratenes Kind geboren hatte. Und er hatte nur einen Sohn, und der hieß Jesse. Jesse, ein normaler, freundlicher, hochbegabter Junge, der seinen Vater in jeder Hinsicht stolz machte. Keine grüne Missgeburt. Dave fühlte noch immer die Wut und den stechenden Schmerz, den jene Schimpftirade vor gut einem halben Jahr als fahlen Nachgeschmack auf seiner Zunge hinterlassen hatte. Es war sein erster und einziger Versuch gewesen, mit seinem Vater in Kontakt zu treten. Es hatte ihn angewidert, seine Tarnform annehmen zu müssen und so zu tun, als sei er von seiner Missbildung geheilt worden. Doch er hatte es für Jesse getan, der an diesem Tag im späten Juli Geburtstag gehabt hatte. Die beiden Brüder waren sich, ohne zu wissen, wer der andere war, vor gut anderthalb Jahren zufällig in London begegnet, als Jesse auf Klassenfahrt gewesen war. Sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden und, sofern es der straff durchstrukturierte Zeitplan erlaubt hatte, mehrmals getroffen, um etwas trinken zu gehen, sich London anzuschauen, oder um über weiß Gott was zu reden. Dave hatte die ganze Zeit über das Gefühl gehabt, Jesse zu kennen. Er sah ihm zwar nicht übermäßig ähnlich, doch er hatte eine Art an sich, die ihn an etwas erinnerte. Doch erst als sie Adressen ausgetauscht hatten, und er sah, dass der Nachname seines neuen Kumpels Jesse kein anderer war als Felth, da hatte plötzlich alles zusammengepasst. Da hatte Dave plötzlich gewusst, an wen Jesse ihn manchmal erinnerte. Es war sein Vater, wie er ihn aus Erzählungen von seiner Mutter gekannt hatte. Doch es gab einen riesigen Unterschied zwischen Jesse und Bernhard: Jesse war kein engstirniger Rassist. Zugegeben, es war ein seltsamer, peinlicher, und recht dramatischer Moment gewesen, als Dave ihm eröffnete, dass sie Brüder waren, dass sein Vater ihm dies nie gesagt hatte, weil er ihn für eine Missgeburt hielt. Dann hatte er Jesse seine wahre Gestalt gezeigt. Jesse hatte ihn nur mit offenem Mund angestarrt, etwas von zu spät kommen zur Besichtigung von Madame Tussaud’s gemurmelt, und war dann abgehauen. Dave war allein, traurig und einsam zurückgeblieben. Das wars dann wohl, hatte er sich gedacht. Doch wider Erwarten fand er drei Wochen später einen fast zehnseitigen Brief in seinem Postfach in Paris, und sie hatten so den Kontakt aufrecht erhalten. Es hatte einige Monate gedauert, bis beide aus der zurückhaltenden, abwartenden Defensivstellung herauskamen, doch letztendlich hatten sie sich aufeinander eingelassen. Wenn sein Vater ihn schon als nichtexistent betrachtete, dann wollte Dave wenigstens ein gutes Verhältnis zu seinem Bruder haben. Jesse war der einzige wahre Grund gewesen, warum er letzten Juli nach Schottland gekommen war. Dave hatte seinen 15. Geburtstag mit ihm feiern wollen. Alles war soweit prima gelaufen, sogar sein Vater war dank der Täuschung ein ganz klein bisschen aufgewärmt – doch dann hatte die Katze eine Vase umgestoßen, Dave hatte sich erschrocken und so seine Tarnform verloren… den Rest konnte man sich denken.
Nein, wegen Bernhard Felth und seiner Frau Chrstine fuhr Dave sicherlich nicht nach Glasgow. Ginge es nur um die beiden, so hätte er dem Polizeibeamten am Telefon gesagt, er solle Bernhards Verwandte in Australien anrufen. Die sollten sich darum kümmern. Immerhin hatte auch seine Tante Tamara, damals, als Marchéline gestorben war, extra aus Montréal um die halbe Welt herfliegen und alles organisieren müssen. Doch auch diesmal ging es Dave nur um Jesse. Er lag im Koma. Dave wollte erst gar nicht daran denken, was er tun würde, wenn er nicht mehr aufwachen sollte. Das durfte einfach nicht geschehen. Er würde dafür sorgen, dass Bernhard und Christine beerdigt würden, er würde sich um den ganzen Papierkram kümmern, zusehen, dass das Haus verkauft wurde, jetzt da niemand mehr den Kredit bezahlen würde, und danach würde er so lange nicht von Jesse’s Seite weichen, bis er die Augen aufmachen würde. Bereits am Telefon hatte er dem Polizeibeamten gesagt, dass er sich um die legale Vormundschaft für Jesse bewerben wollte. Christine’s Familie war was Mutanten anging, keinen Deut besser als Bernhard, und seit Jesse herausgefunden hatte, dass er sein ganzes Leben lang wegen unbegründeter, persönlicher, hasserfüllter Vorurteile angelogen worden war, hatte er in nicht nur einem Brief, mehr im Scherz, vorgeschlagen, sie zwei Männer sollten doch einfach irgendwohin abhauen. Dave wusste, dass seine Chancen schlecht standen. Er war zwar volljährig und ein Blutsverwandter ersten Grades, doch er hatte keine Arbeit und ging noch zur Schule. Aber das war ihm egal. Er würde sich durchsetzen, irgendwie. Jesse war Gott sei Dank schon über 14, sodass seine Wünsche bezüglich eines Vormundes zu berücksichtigen waren. Vielleicht konnte er Jesse ja nach seiner Genesung mit nach Inverness nehmen. Und wenn nicht, dann würde er eben als Pommesfritteur bei McDonald’s anheuern und mit Jesse in eine Zweizimmerwohnung ziehen. Irgendwie würde es gehen. Sie würden zusammenhalten.
„Sir?“
Dave schreckte hoch, als jemand ihn fast schon von der Seite anschrie. Er blinzelte und realisierte erst da, dass er von seiner Umwelt wirklich nichts mehr mitbekommen hatte. Neben ihm im Gang stand eine Frau mit einem Servicewagen. Na die kam gerade recht. Er hatte Hunger.
„Tut mir Leid, ich war in Gedanken,“ murmelte er, während er nach seinem Geldbeutel kramte. „Ich ahm… hätte gerne eines der Käsesandwiches da. Und eine Flasche Wasser.“
Er bezahlte, und steckte das Wechselgeld weg. Die Dame war schon weitergegangen, als ihm etwas einfiel.
„Entschuldigung… wissen Sie zufällig, wie lange es noch bis Glasgow ist?“
„Etwa eine Stunde. Brauchen Sie eine Anschlussverbindung? Sie können bei mir ein Ticket für den Glasgower Nahverkehr kaufen. Oder soll ich Ihnen einen Mietwagen reservieren?“
Dave wurde bleich. Nein, alles nur das nicht. Alles nur kein Auto! Seine Mutter war von einem Lastwagen zermalmt worden, sein Bruder lag im Koma, weil das Auto bei glatter Fahrbahn aus der Kurve geschlittert war – nein, in ein Auto würde er für den Rest seines Lebens nie wieder freiwillig steigen! Abgesehen davon hatte er nicht einmal einen Führerschein. Mit einem nur schwer erzwungenen Lächeln kaufte er also auch gleich ein Nahverkehrsticket, dann sank er wieder in seinen Sitz. Starrte wieder aus dem Fenster. Hoffte, dass sein Bruder nicht sterben würde.
[Ok, ich musst noch nie nen Todesfall organisieren, also alles, was nicht ganz stimmt, einfach ignorieren ^^]
13.12., 20:00 Uhr - Haus in der Wallace Avenue
Eigentlich hatte sich Dave an diesem Abend nur noch ins Bett werfen wollen und wäre am liebsten nicht wieder aufgewacht. Die letzten beiden Tage waren, vorsichtig ausgedrückt, derart beschissen gewesen, dass er sie am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen wollte. Er hatte nicht geglaubt, dass die vor ihm liegenden Tage einfach werden würden, doch er hatte ebenso wenig damit gerechnet, dass es so verdammt hart sein würde. Kaum dass er in Glasgow angekommen war, sich bei der Polizei und beim zuständigen Notar gemeldet und so den Schlüssel für das Haus in der Wallace Avenue erhalten hatte, hatte man ihn gleich zum Krankenhaus gefahren, denn es galt, zwei Leichen zu identifizieren. Dave hatte geglaubt, beim zweiten Mal würde ihm das leichter fallen, vor allem, wenn er den beiden Toten nicht allzu nahe stand. Damals, bei seiner Mutter, da war es brutal gewesen. Er war nur wortlos und überhastet aus dem Zimmer gestolpert, bevor der Gerichtsmediziner den sterilen Plastiksack überhaupt geöffnet hatte, und hatte seine Tante aus Übersee den Rest machen lassen. Das letzte Bild seiner Mutter, welches sich in sein Gedächtnis prägen würde, hatte nicht das von ihrem entstellten, toten Körper sein sollen. Dieses Mal war er nicht geflüchtet, aber das Erlebnis hatte doch seine Spuren hinterlassen.
"Mister Sartre, können Sie mir bestätigen, dass die vor Ihnen befindlichen Personen Ihr Vater und dessen Ehefrau sind?"
Bestätigt, die Papiere unterzeichnet, abgehauen. Nicht mehr und nicht weniger. Weiter ging es zum Bestattungsunternehmer, um die Beerdigung zu organisieren. Nach einem zweistündigen Gespräch war die Feuerbestattung beschlossene Sache, für ein paar hundert Pfund extra übernahm de vita Bestattungen sogar das Drucken der Todesanzeige und der „Einladungen“, deren Texte Dave nicht lange vorzubereiten brauchte. Er hatte rasch ein Buch mit vorgefertigten Bildern und Texten durchgeblättert, sich das herausgesucht, was sachlich-neutral klang, beziehungsweise gut aussah, aber simpel war, um den Rest brauchte er sich vorerst nicht zu kümmern.
Schließlich war er noch einmal ins Krankenhaus gegangen und fast die gesamte Nacht an Jesses Bett gesessen, bis ihn die Nachtschwester wohl aus Sorge nach Hause geschickt hatte. Nach zwei unruhigen Stunden Schlaf hatte er den Versuch, zur Ruhe zu kommen, aufgegeben, und war stattdessen um kurz vor Sieben bereits wieder aufgebrochen in die Stadt, bewaffnet mit einem riesigen Stapel Papierkram, den es abzuarbeiten gab. Konten mussten aufgelöst werden, Verträge gekündigt, Versicherungen ausbezahlt und beendet werden. Mittags traf er sich bezüglich des Erbes noch mit dem Notar vom vorherigen Tag. Weder sein Vater noch seine Frau hatten ein Testament verfasst, und so würde das Erbe schlicht und einfach per Gesetz aufgeteilt werden. Dass ihm dabei als erster leiblicher Sohn eine nicht unbeträchtliche Summe Geld sowie die Hälfte des Hauses zufiel weckte bei Dave gemischte Gefühle. Er wusste ganz genau, dass sein Vater nicht gewollt hätte, dass er es bekam. Doch ablehnen würde er es sicherlich nicht, er war ja nicht blöd.
Erst am Nachmittag, als er vor lauter Herumrennen und Stress schon völlig fertig war, fiel ihm auf, dass er seit gut 30 Stunden nichts mehr gegessen hatte. Appetit hatte er zwar immer noch keinen großen, doch er wusste, dass er essen musste, und so kaufte er sich ein vegetarisches Sandwich. Nachdem er das vertilgt hatte, fuhr er direkt wieder ins Krankenhaus und wich mehrere Stunden nicht von Jesses Seite. Er hatte keine Ahnung, ob sein Bruder ihn hören konnte, doch er sprach trotzdem ununterbrochen mit ihm. Vielleicht war es einfach Trotz, eine Demonstration seines rigorosen Willens, ihn nicht aufzugeben. Sein Zustand hatte sich nicht verbessert, doch gleichzeitig auch nicht verschlechtert. Die inneren Blutungen, so der Arzt, waren unter Kontrolle, doch Jesses Zustand blieb weiterhin kritisch. Er war nach wie vor nicht außer Lebensgefahr.
Um kurz vor neun kam er schließlich wieder zu Hause an, und als der Blick in die TV Zeitung alles andere als vielversprechend war, machte er sich auf, das Haus zu erkunden. Irgendwie musste er sich beschäftigen. Er fand nichts wirklich Aufregendes, erst als er im Arbeitszimmer seines Vaters den Computer fand, da besserte sich seine Stimmung ein ganz klein wenig. Der Rechner hatte einen Internetanschluss, und so drückte er rasch auf den An-Knopf. Vielleicht hatte er ja Glück und das Ding war nicht Passwort-gesichert. Dann könnte er nachsehen, ob ihm Ashley vielleicht geschrieben hatte.
Und tatsächlich hatte er Glück. Der Rechner fuhr hoch, und mit einem Doppelklick auf das kleine blaue E war Dave im Netz. Er loggte sich bei Hotmail ein, und siehe da – eine Nachricht von Ashley. Er lächelte ganz leicht und begann zu lesen. Sein Lächeln verflog einen Moment, denn allzu schöne Dinge waren es nicht, die Ashley da zu berichten hatte. Erst am Ende lächelte er ganz leicht. Er konnte nicht anders, als sich über die Tatsache zu freuen, dass sie ihn offenbar vermisste… was auf Gegenseitigkeit beruhte.
Und so klickte er schließlich auf „Antworten“ und schrieb zurück.
Das war etwas, das Dave fast wahnsinnig machte. Für ihn gab es nichts Schlimmeres, als in Ungewissheit ausharren zu müssen und rein gar nichts tun zu können, weil er nun mal leider nicht Gott war und seinen Bruder demnach nicht gesund machen konnte. Die letzten Tage hatte er es irgendwie noch ausgehalten allein in Glasgow. Solange er noch Besorgungen zu machen gehabt hatte und wegen diversen organisatorischen Dingen die meiste Zeit quer durch die Stadt unterwegs gewesen war, solange hatte er nicht allzu viel Zeit gehabt, sich einen Kopf zu machen.
Doch jetzt war alles erledigt. Der Tod seines Vaters und dessen Frau war bürokratisch offiziell abgearbeitet, das bisschen Papierkram, was noch kommen würde, war erstmal nicht weiter wichtig, ebenso wenig die Beerdigung heute, zu der er nicht gehen würde. Wieso auch? Das Haus hatte er für einen guten Preis an einen Immobilienmakler verkauft, die Einrichtungsgegenstände an einen Antiquitätenhändler verhökert, und so saß Dave jetzt mit einem neuen Laptop, den er sich von dem Batzen Bargeld geleistet hatte, im Holiday Inn Glasgow und machte sich dank wireless daran, seine Emails zu lesen. Ashley hatte bestimmt wieder geschrieben, es war ja auch schon drei Tage her, seit er sich das letzte Mal gemeldet hatte. Und tatsächlich, da war eine Nachricht von ihr.
Große Neuigkeiten hatte er zwar nicht zu berichten, dennoch schrieb er zurück. Anschließend machte er den Fernseher an, behielt jedoch immer das Telefon im Auge… so, als wolle er es beschwören, endlich zu klingeln, damit ihm der Arzt am anderen Ende der Leitung würde sagen können, dass Jesse aufgewacht war…
Jesse starrte an die weiße Decke seines Zimmers, ohne wirklich etwas zu sehen. Seit er aus der Bewusstlosigkeit erwacht war, driftete er in diesem seltsamen Wachzustand von einem unangenehmen Gefühl ins nächste. Alles tat ihm weh, er konnte nicht klar denken... und sein Körper schien ihm vor allem nicht gehorchen zu wollen. Er kam sich vor wie ein Fremdkörper in sich selbst. Er konnte sie alle sehen und hören, die Ärzte, Schwestern und Pfleger. Doch wenn er sich ihnen irgendwie mitteilen wollte, so gelang ihm das nicht. Alles war verschwommen und schrecklich grell. Vielleicht gaben sie ihm ja irgendwelche verdammt starken Medikamente, damit er diesen Zustand überhaupt aushielt. Doch er wollte raus... wollte gesund sein... wo zur Hölle war eigentlich Dave?
Da waren sie also, wieder im Krankenhaus. Dave hätte niemals gedacht, dass er einmal außerordentlich glücklich sein würde, Mutant zu sein - oder besser gesagt, eine Mutanten mit ganz gewissen Kräften zu kennen. Dass er Padraig den Eisball an den Kopf geworfen und dadurch herausgefunden hatte, dass er heilen konnte, das war wirklich Glückssache gewesen. Er tat sich manchmal schwer, ans Schicksal zu glauben, aber vielleicht hatte es ja so sein sollen. Denn ansonsten würde Jesse noch Wochen hier liegen. Zwar wusste er, dass Padraig Jesse nicht mit einem Fingerschnips gesund machen konnte, doch die Situation um einiges verbessern, das war bestimmt drin. Vielleicht sogar so, dass sie ihn noch vor Weihnachten mit nach Hause nehmen konnten.
"Das ist er," meinte er also zu Padraig, als sie in Jesse's Zimmer an seinem Bett standen. Jesse schlief, wie das letzte Mal, als Dave ihn gesehen hatte. Dave wusste, dass die Dosis an Morphium bewusst hochgehalten wurde, um die Schmerzen zu lindern. Jesse war lediglich außer lebensgefahr, aber beiweitem nicht schmerzfrei.
"Er hatte ein ziemlich schweres Schädel-Hirn-Trauma und war fast eine Woche im Koma," erklärte er. "Er ist mittlerweile außer Lebensgefahr, und sie können mit relativer Wahrscheinlichkeit sagen, dass er keine Hirnschäden behalten wird, allerdings kommt es da drauf an, ob es bei der Heilung Komplikationen gibt."
Dave hielt einen Moment inne, dann sah er wieder zu seinem Lehrer hoch.
"Egal, wieviel oder wie wenig Sie für ihn tun können, ich bin Ihnen jetzt schon dankbar."
Padraig war mit Dave gegangen, nachdem der ihm von dem Zustand seines Bruders erzählt hatte. Er wollte ihm keine zu großen Hoffnungen machen, aber andererseits konnte er ja sein Bestes geben. Nur war es ihm eigentlich nicht recht, dass er so öffentlich versuchen sollte, jemanden zu heilen. Und öffentlich konnte man ein Krankenhaus durchaus nennen. Wie sollte man erklären, wenn er wirklich Daves Bruder helfen konnte? Ärzte glaubten nicht an Wunderheilung. Oder zumindest die meisten nicht. Egal, wie viel oder wie wenig Sie für ihn tun können, ich bin Ihnen jetzt schon dankbar. Wie hätte Pad nach diesen Worten noch etwas anderes tun können, als ein Bestes zu geben?
„Ok, Dave, aber ich verspreche absolut keine Wunder. Ich werde versuchen ihm ein wenig von meiner Energie zu geben, und das wird dann vermutlich seinen Heilungsprozess beschleunigen. Er wird aber weiterhin Ruhe brauchen.“ Noch war überhaupt nicht abzusehen, wie Jesse auf die Behandlung reagieren würde. Möglicherweise würden seine Kräfte die Wirkung der Schmerzmittel neutralisieren. Oder aber sie wirkten gar nicht.
Ohne sich weiter seinen Zweifeln hinzugeben, trat Pad neben den im Bett liegenden Jesse und legte ihm die Hände sanft auf die Schulter. Den Kopf zu berühren wagte er nicht, denn wie sollte er wissen, wie das auf jemanden mit einem frischen Schädel-Hirn-Trauma wirkte. Schnell spürte er, wie seine heilenden Kräfte zu wirken begannen… oder doch zumindest in Aktion traten. Ob sie eine Wirkung zeigen würden, dass war noch etwas ganz anderes.
Dave nickte leicht. Natürlich erwartete er nicht, dass Padraig Jesus-Style die Hand auflegte und Jesse aus dem Bett sprang. Aber vielleicht würde sich die Zeit, die Jesse hier verbringen würde, wenigstens verringern, und das war doch auch schon etwas. Denn drei Monate konnten verdammt lang sein.
Er trat ein wenig näher und beobachtete eine Weile, was da so passierte. Eigentlich passierte gar nichts... oder? Bevor er irgendwie dumm glotzen oder blöde Fragen stellen konnte, hielt Dave es für besser, an den Tür Wache zu stehen und rechtzeitig Alarm zu geben, wenn ein Arzt im Anmarsch war.
Dave war zur Tür gegangen. Ein sinnvoller Gedanke, denn es hätte doch sehr verwunderlich gewirkt, wenn eine Schwester oder ein Arzt plötzlich hereingeplatzt wären. Allerdings würde Pad Dave erst später sein Lob dafür aussprechen können, denn jetzt galt es sich ganz auf Jesse zu konzentrieren. Die Verletzung der Knochen zu heilen würde nicht einmal so lange dauern, aber die verletzten Adern im Gehirn selbst, ebenso wie die Prellungen und Verletzungen einiger der Hirnpartien, waren etwas ganz anderes. Hier war sozusagen viel Fingerspitzengefühl nötig. Vor allem durfte die Heilung, besonders die der Knochen, nicht unnatürlich aussehen.
Kurz nur nahm er den Raum um sich wahr. Der leicht angetrocknete Blumenstrauß, die üblichen Utensilien eines Krankenhauses. Und dann wandte er sich seinem Patienten zu. Vollkommen in die schwere Aufgabe versunken, verlor er jeglichen Bezug zur Umgebung. Er hätte wahrscheinlich nicht einmal ein Erdbeben mitbekommen. Und es mochte Dave wie Stunden vorgekommen sein, doch in Wirklichkeit zeigten die Uhren, dass gerade einmal zehn Minuten vergangen waren, als Pad sich langsam von Jesse löste. Er sah erschöpft aus, erschöpft und zufrieden. „Ich habe in dieser Behandlung getan, was ich konnte. Jetzt sollten wir der Natur und Deinem Bruder ein wenig Zeit geben, um sich mit dem Ergebnis anzufreunden.“ Mit leicht zittrigen Beinen ging er von dem Bett weg. Erst jetzt fiel ihm auf, mit welcher Kraft die Blumen strahlten. Sie mussten ganz frisch sein.
Dave bleib bei der Tür stehen. Nicht auf eine Verdacht erregende Art und Weise, sondern so, als warte er vielleicht einfach dort, während ein Freund der Familie an Jesses Bett getreten war. Stimmte irgendwo ja auch. Er hielt wachsam Ausschau nach Ärzten und Schwestern, mit wachsender und nachlassender Anspannung, wenn sie sich der Tür näherten, dann aber davor abbogen oder vorbeigingen. Jesses letzter Checkup war noch nicht lange her, daher hatten sie genau den richtigen Moment erwischt.
Hin und wieder warf er aber dennoch einen Blick über seine Schulter zu Padraig. Es war seltsam, zunächst schien überhaupt nichts zu passieren, doch dann fiel Dave der Blumenstrauß auf. Er war nicht gerade frisch gewesen, doch plötzlich sah er aus wie frisch gepflückt. Das bedeutete, dass es funktionierte, richtig?
Er nickte leicht, als Padraig mit ihm sprach. Ob er ihn stützen sollte? Er sah ein wenig zittrig aus.
"Danke," meinte er ruhig und rang sich trotz der angespannten Situation ein Lächeln ab.
„Keine Ursache.“ Das Lächeln, dass ihm Padraig zuwarf war ein wenig schwach. Irgendwie hatte ihn das Ganze doch stärker erschöpft als er gedacht hatte. Gut, er hatte noch nie versucht so gezielt seine Kraft einzusetzen, das könnte die Erklärung sein. Normalerweise ließ er die Kraft einfach durch sich durchströmen, aber das war ihm dieses Mal einfach nicht sinnvoll vorgekommen. „Wir werden in ein paar Tagen weitermachen. Dann wissen wir auch schon, ob meine Kraft überhaupt einen Nutzen hat, oder ob es vergebene Liebesmühe ist.“
Er hoffte, dass es nicht so war, denn Dave schien sich sehr große Hoffnungen zu machen. Und nur ungern wollte er ihn enttäuschen. Andererseits wäre es eine wichtige Lektion für Dave. Selbst ihre besonderen Kräfte vermochten nicht alles zu schaffen. Es gab Dinge, die jenseits ihrer Kontrolle lagen.
Dave nickte leicht. Er war nicht naiv genug zu glauben, dass Padraig nur mit den Fingern schnippsen musste, damit alles wieder gut war. Aber so war zumindest ein Anfang gemacht.
"Vielleicht... sollten wir gehen," meinte er. "Sonst wird noch jemand misstrauisch, was wir so lange machen."
Wieder einmal war Padraig mit Dave ins Krankenhaus gefahren. Jesse schien auf die Behandlungen ganz gut anzusprechen. Er war jetzt schon zum vierten Mal da und wenn er die Gespräche der Ärzte richtig mitbekam, also jene Gepräche, die sie mit Dave führten, dann gab es eine fast schon unerklärliche, aber auch sehr glückliche Entwicklung beim Patienten. Die Ärzte konnten sich das nicht wirklich erklären, aber wenn Jesses Heilungsprozeß so weiterging, dann würden sie ihn wohl in den nächsten Wochen entlassen können. Allerdings wollten sie Dave jetzt auch nicht zu viele Hoffnungen machen. Es bestünde immer noch die Gefahr, dass der Heilungsprozeß an einem bestimmten Punkt stagnierte.
Padraig wagte das zu bezweifeln. Immerhin hatte er eine sehr gute Idee, warum die Regeneration des Jungen so gut voran ging. Anders als die Ärzte ging er nicht von Diagnosen aus, sondern handelte einfach.
Und auch jetzt setzte er sich wieder neben Jesse und legte ihm die Hand auf die Stirn. Mittlerweile hatte er schon fast eine dauerhafte Verbindung zu dem Jungen aufgestellt, zumindest fühlte es sich für ihn so an. Sobald er nämlich den Raum betrat, spürte erschon, wie ihn die Energie zu dem Jungen zog. Es war nichts unangenehmes dabei, aber er fragte sich, ob das auch später noch so weitergehen würde.
Natürlich wusste Dave, woher diese plötzliche Besserung kam, doch vor den Ärzten ließ er sich das natürlich nicht anmerken. Nach wie vor hatte er Padraigs Worte im Ohr, dass trotz allem etwas schiefgehen konnte, und so versuchte er trotz aller guten Neuigkeiten, keine allzu großen Luftsprünge zu machen. Die würde er sich für dann aufheben, wenn Jesse wirklich wieder gesund war.
Er blieb ein wenig abseits stehen, um Padraig nicht zu stören. Allerdings war eh nahe genug dran, um alles zu beobachten. Nicht, dass es wirklich etwas zu sehen gab. Aber Jesse sah doch immer irgendwie ein klein wenig besser aus, wenn Padraig ihn behandelte. Vielleicht war es Einbildung, aber das war Dave dann doch auch recht egal.
Ja, er konnte fühlen, dass es aufwärts ging mit ihm... er war noch zu schwach, um länger als ein paar Minuten bei Bewusstsein zu bleiben, und selbst dann war alles wie in Watte gehüllt und grell und unangenehm. Aber er spürte die Energie, die in regelmäßigen Abständen kam und die ihn aufbaute. Von irgendwoher hörte er auch Stimmen... eine Fremde und eine Vertraute. Obwohl, so fremd war die fremde Stimme gar nicht, wenn jedesmal wenn er sie hörte, dann kam diese Energie. Jesse vermochte noch nicht, über all das nachzudenken, doch er bekam ein wenig mit davon... irgendwann würde sich alles klären.