Das X-odus Forum befindet sich derzeit in einer Pause.
Für all Diejenigen, die ihre Charaktere bis zum Wiederbeginn
nicht ruhen lassen wollen, empfiehlt die SL euch
diese Seite.
Wir wünschen unseren fleissigen Usern viel Spass
auf der neuen Plattform und hoffen
euch alle in alter Frische und mit dem gleichen Elan
bald auch wieder an dieser Stelle begrüssen zu können.
Er klopfte nicht. Er hatte sich auch nicht die Mühe gemacht, mit seinen schweren Stiefeln auf dem Flur leise zu sein; der Teppich schluckte genug Geräusche. Und er wußte, dass sein unfreiwilliger Gastgeber keine direkten Nachbarn hatte. Die ins Schloss fallende Tür war durchaus nicht das einzige Geräusch, dass Remy LeBeau um diese Uhrzeit verursachte, aber sicher eines der lautesten.
"Eh, mon ami, wach auf! Komm schon, Soldat, Augen auf und auf die Füße!"
Es ging auch einfacher (und vor allem auch sanfter), jemanden aus dem Schlaf zu reißen, aber dies war weder Zeit noch Ort für derartige Höflichkeiten. Deswegen riß Remy seinen Freund ungeduldig am Kragen in eine sitzende Position, als dieser nicht sofort reagierte.
"Mon dieu, wenn du deine kleine Freundin retten willst, dann komm endlich zu dir!"
Ty kniff verschlafen die Augen zusammen. Natürlich hatte er gehört, dass jemand in sein Zimmer gekommen war, und deswegen hate er sich schlafend gestellt, während er innerlich wach werden wollte. Der andere war allerdings schneller und ungeduldiger.
Kaum dass er Remys Stimme erkannt hatte, wollte Ty eigentlich nur eines: weiterschlafen und den Cajun zum Teufel wünschen. Beides misslang ihm, als Remy ihn hochriss und ihm etwas ins Gesicht zischte. Die Worte brauchten einen Moment, bis sie in seinem Kopf einen Sinn ergaben ... und dann war Ty hellwach.
"Was ist mit Cait, hast du sie gefunden? Braucht sie Hilfe?"
---
Remys Blick war im Halbdunkel des Zimmers nur schwer zu erkennen, doch seine Stimme klang grimmig.
"Oh ja, sie braucht Hilfe. Und mich wundert, dass du hier so friedlich schlafen kannst, während sie in ihrem Gefängnis vor sich hin schmort."
Remy hatte Ty wieder losgelassen und sich mit dem Fuß einen Stuhl geangelt, um sich darauffallen zu lassen. Als Ty bei der Erwähnung des Gefängnisses nur verständnislos vor sich hinglotzte, kniff Remy die Augen prüfend zusammen und musterte ihn.
"Sie ist unten in den Subs und hat sich dort einsperren lassen. Sie hält sich selbst für eine Gefahr. Aber sie hat dir nichts davon gesagt? Wieso weisst du nichts davon? Wann hast du zum letzten Mal mit ihr geredet?"
Die Informationen waren wie ein Schlag ins Gesicht für Ty. Cait eine Gefahr für andere? Hatte Jean beim Briefing nicht etwas ähnliches gesagt?
"Ich habe sie gestern beim Briefing gesehen. Heute war sie den ganzen Tag unauffindbar, und in die Subs kam ich aus irgendeinem Grund nicht rein. Der Code hat nicht funktioniert. Ich hab sie gesucht, aber sie war wie vom Erdboden verschluckt. War sie die ganze Zeit da unten?"
Innerlich fühlte Ty, wie eine riesige Enttäuschung sich in ihm ausbreitete. Cait hatte ihm nichts von alledem gesagt, aber wieso nicht? Und noch viel Wichtiger war: irgendwer hatte es gewusst, ihn aus den Subs ausgesperrt und keinen Ton gesagt. Der Gedanke, dass Jean mit ihrer Befürchtung recht hatte und er es einfach nicht bemerkt hatte (er von allen Leuten), gab ihm eine Gänsehaut.
"Ich will sie sehen." Er schwang die Beine über die Bettkante und schickte sich an, aufzustehen.
---
"Bleib, das hat keinen Sinn. Ich war den ganzen Abend bei ihr. Ich denke, sie schläft jetzt."
Und schon tanzte wieder dieses Streichholzbriefchen zwischen seinen Fingern auf und ab.
"Ich habe gesehen, dass es ihr nicht besonders gut geht. Sie braucht Hilfe, aber von einem Profi. Sie hat mich allerdings gebeten, dir zu sagen, dass du sie mal besuchen kommen sollst. Geh am Besten morgen früh; eventuell kannst du sie ja überraschen, wenn sie aufwacht."
Das Streichholzbriefchen hielt einen Moment inne, als Remy seinem Freund in die Augen starrte.
"Hey, hör zu, sie wird ihre Gründe gehabt haben, warum sie es dir bisher nicht gesagt hat. Aber sie hat nach dir gefragt, und das ist ein gutes Zeichen, wenn du mich fragst. Wenn sie deine Hilfe will, wird sie es dir sagen, aber du solltest ihr in keinem Fall deine Anwesenheit aufzwingen. Verstehst du mich, Ty? Sei für sie da, wenn sie dich braucht, aber gib ihr genug Raum, um das alleine zu bewältigen. Etwas besseres kannst du für sie im Moment nicht tun, mon ami. Lass sie einfach wissen, dass du da bist, alles klar?"
Und damit stand Remy wieder auf, beförderte den Stuhl mit einer Fußbewegung zurück in die Ausgangsposition und wandte sich zum Gehen.
"Oh, und nimm das hier mit, wenn du sie besuchst."
Ein kleines, glitzerndes Päckchen landete neben Tyler auf der Bettdecke.
"Und halt dich an das, was ich dir gesagt habe! Ich seh deinem Dickschädel doch genau an, dass du was ausheckst. Ich hab gesagt, du sollst sie schlafen lassen. Und wenn ich dich vor 8 Uhr unten sehen sollte, bekommst du Ärger mit mir, verstanden?"
Remy schnalzte noch einmal mit der Zunge, dann war er auch schon wieder weg. Manchmal konnte er wirklich wie ein Geist sein, nur eben viel charmanter. Auf seine Art.
Dickschädel? War es so offensichtlich, dass Ty diese ganzen Regeln nicht passten? Der andere kannte ihn einfach zu gut.
"Verstanden," murmelte er noch als Antwort, als der Cajun aus seinem Zimmer verschwand.
Natürlich war er enttäuscht, dass Caitlynn nicht mit ihm gesprochen hatte. Wie hatte Remy gesagt, sie hatte ihre Gründe? Das müssten dann aber verdammt gute Gründe gewesen sein! Die Gerüchte um Tablettenmissbrauch und Aussetzer kursierten nun schon seit einer ganzen Weile und sie hatte es nicht ein einziges Mal geschafft, mit ihm darüber zu reden?
War das meine Schuld? Hab ich es nicht oft genug versucht? Hätte ich einfach aufmerksamer sein müssen?
Ty hatte bei seiner Ausbildung in der Army gelernt, Informationen einzuschätzen und kritisch auszuwerten. Auf dem Weg zum Special Recon war das eine der ersten Lektionen: Traue nur den Infos, die du auch bestätigen kannst. Sieh immer zweimal hin. Gerüchte konnten eine wertvolle Informationsquelle sein, aber nur, wenn man sie auch verifizieren konnte. Und zu einem klärenden Gespräch zwischen Cait und ihm war es nie gekommen, deswegen hatte er nicht daran glauben wollen. Und nun war es zu spät? Hatte er die Augen absichtlich davor verschlossen, weil er nicht daran glauben wollte, dass die anderen vielleicht Recht hatten?
Ty sass noch mehrere Minuten lang auf dem Bett, um darüber nachzudenken. Schliesslich hielt er es aber nicht mehr aus, stand auf und zog sich die Jogginghosen über. Der Gipsarm störte ihn und trieb ihn fast in den Wahnsinn, als er es so eilig hatte. Dennoch verliess auch Ty das Zimmer und ging zur nächsten Säule, hinter der sich eine der Speedröhren befand. Die Verkleidung glitt zur Seite und gab den Weg in die Transportkabine frei. Ty tippte seinen Zugangscode mit der linken Hand in die kleine Konsole.
Nichts geschah, auch nicht, als er es ein zweites und drittes Mal versuchte. "LeBeau!" fluchte er, und es war ihm in diesem Augenblick scheissegal, ob er damit das halbe Institut weckte oder nicht. Sein sauberer Freund Remy hatte ihn ausgesperrt.
Frustriert kehrte er in sein Zimmer zurück, zog die Boots aus und warf sich aufs Bett. Die Nachttischlampe flammte auf und da entdeckte er das kleine glitzende Päckchen wieder, das noch auf der Überdecke lag. Es war ein Kartenspiel, was sonst, und es war noch in der Folie eingeschweißt. Ty hatte keine Ahnung, was es damit auf sich hatte. Ein weiteres Fragezeichen für die Liste.
Er legte das Päckchen weg und griff nach einem der Bücher auf dem Nachttisch. Elektrotechnik - Aufbaukurs 2 stand auf dem Cover, aber Ty konnte sich nicht auf die Lektüre konzentrieren. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu Cait zurück. Schliesslich sah er ein, dass es keinen Sinn hatte und legte das Buch wieder weg. Er schaltete das Licht aus und legte sich wieder richtig ins Bett.
Als ihm die zündende Idee kam, war es bereits 1:50 Uhr. Ty stellte noch seinen Wecker und fand endlich in den Schlaf.
---